Informationen

  Alois Mock
Urverbindung: Norica (14.11.1952)
Bandverbindungen: Walth, Rd, FlP, Cl, AW, AIn, F-B, Baj, Cp, RAa
Geboren: 10.06.1934, Euratsfeld (Bezirk Amstetten, Niederösterreich)
Gestorben: 01.06.2017, Wien
Position: Vizekanzler, Bundesminister, ÖVP-Bundesparteiobmann, ÖAAB-Bundesobmann, Klubobmann, Nationalratsabgeordneter, Diplomat, Träger des ÖCV-Ehrenringes und des Bandes „In vestigiis Wollek“

Lebenslauf

HERKUNFT, AUSBILDUNG UND BERUFSEINSTIEG

Mock wurde als Sohn eines Besitzers eines Molkereibetriebs geboren, der fast drei Wochen vor dessen Geburt bei einem Motorradunfall durch einen plötzlichen Herztod verstarb. Die Witwe ehelichte den jüngeren Bruder ihres verstorbenen Mannes und führte den Molkereibetrieb vorerst weiter. Nach dessen Stillegung wurde von der Familie ein Transportunternehmen für hauptsächlich Mineralölprodukte gegründet.

Bis 1944 besuchte Mock die Volksschule in Euratsfeld, um dann für zwei Jahre an die Hauptschule in Amstetten zu gehen. Wegen ausgezeichneten Schulerfolgs wechselte er zuerst an das Gymnasium in Amstetten, jedoch noch in der dritten Klasse als Internatsschüler an das Stiftsgymnasium Seitenstetten, um sich den 7 km langen Fußweg zu ersparen. Dort zeigte er bereits Interesse an der Politik, so daß in der Maturazeitung stand:

„Der Leiß [Alois] ist Senior im Konvikt.
in Politik gewandt.
Er träumt davon, daß es ihm glückt,
zu retten unser Land.“

Nach der Matura im Jahr 1952 begann Mock das Studium an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien (Dr. iur.1957), wo er der Norica beitrat (Couleurname Dr. cer. Bimbo). Sein Leibbursch war der spätere Chefredakteur des „Neuen Volksblattes“, Peter Klar (Nc), den er bereits aus Seitenstetten kannte und dessen Nachfolger er als Konviktssenior war. Während seines Studiums war Mock als Nachfolger von Otto Tschulik (Nc) von 1955 bis 1957 Fachschaftsleiter an seiner Fakultät und auch Mitglied des Zentralausschusses der ÖH. Als solcher war er 1956 bei der Hilfe für die ungarischen Flüchtlinge engagiert.

In den Sommerferien arbeitete Mock im elterlichen Betrieb mit und erwarb zu diesem Zweck auch einen LKW-Führerschein. Im Sommer 1953 war er Erntehelfer in England und im Sommer 1955 selbiges in Schweden.

Nach seinem Studium erhielt Mock für das Wintersemester 1957/58 ein Stipendium am Europäischen Zentrum der John-Hopkins-Universität in Bologna, wo er u. a. Alfred Grosser hörte. Dort wurde er vor allem mit europäischen Themen konfrontiert. Als er in den Weihnachtsferien dem zuständigen Sektionschef im Unterrichtsministerium, das war Franz Hoyer (Baj), über seinen Bologna-Aufenthalt berichtete, war dieser von Mock so beeindruckt, daß er den damaligen Unterrichtsminister Heinrich Drimmel (NdW) herbeiholte, der ihm anbot, Beamter des Unterrichtsministeriums zu werden. So trat Mock am 2. Februar 1958 in der dortigen Hochschulsektion seinen Dienst an.

Im ersten Halbjahr 1960 konnte Mock ein halbes Jahr nach Brüssel gehen, wo er die Institutionen der Europäischen Gemeinschaften studieren konnte. Daraufhin wechselte er im Herbst 1960 in das Bundeskanzleramt in die Sektion für wirtschaftliche Koordination, die u. a. für die OECD und das ERP zuständig war. Sektionschef war damals Guido Preglau (AW). Kollegen waren dort u. a. Thomas Klestil (Baj), Friedrich Hoess (NbW) und Manfred Scheich (F-B). 1959 wurde Bruno Kreisky (SPÖ) Außenminister, so daß damals diese Sektion zur „Kaderschmiede“ für die aus dem CV kommenden außenpolitisch Interessierten wurde.

MITARBEITER VON BUNDESKANZLER KLAUS UND UNTERRICHTSMINISTER

1962 kam Mock an die österreichische Delegation bei der OECD in Paris, die Carl Bobleter (AIn) leitete. Als dieser 1964 Staatssekretär im Außenministerium wurde, machte er Bundeskanzler Josef Klaus (Rd) auf den talentierten Mock aufmerksam. Klaus holte ihn im Mai 1965 in sein Kabinett, wo er Nachfolger von Michael Graff (AW) wurde, der dafür den Posten von Mock in Paris übernahm. Kabinettschef von Klaus war damals Franz Karasek (Nc). Als 1966 Klaus eine Alleinregierung bildete, wechselte Karasek als Sektionsleiter ins Unterrichtsministerium. Mock wurde nun Kabinettschef und saß damit an einer entscheidenden Stelle des Regierungsapparats. Trotz dieser beruflichen Belastung absolvierte er die Diplomatenprüfung (examen préalable) und wechselte damit dienstrechtlich ins Außenministerium.

Die Lage der ÖVP verschlechterte sich bereits im Herbst 1967 (Landtagswahlen in Oberösterreich), woraufhin es Anfang 1968 zur Diskussion um eine „Hofübergabe“ kam, nämlich den Wechsel von Klaus zu Hermann Withalm (Nc). Im Frühjahr 1969 kam es zu weiteren Verlusten der ÖVP bei den Wiener Landtagswahlen, und Unterrichtsminister Theodor Piffl-Percevic kam in Kritik wegen des 9. gymnasialen Schuljahres, gegen das es sogar ein Volksbegehren gab. Es galt nun, für diesen einen Ersatz zu finden. Nach einigem Hin und Her brachte Withalm Mock ins Spiel, der nun am 2. Juni 1969 zum Bundesminister für Unterricht ernannt wurde. Heinrich Neisser (Rd), bislang Mitarbeiter im Kabinett von Klaus, wurde Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt „war zwischen Klaus und Mock eine Art politische Vater-Sohn-Beziehung entstanden“. (Helmut Wohnout)

Die Angelobung von Mock und Neisser erfolgte an diesem 2. Juni am Vormittag in Warmbad Villach, wo sich der damalige Bundespräsident Franz Jonas aufhielt. Danach kehrten die beiden mühsam (es gab noch keine Südautobahn) nach Wien zurück, wo am Minoritenplatz die Amtsübergabe an Mock stattfand. Gegen Ende dieser kam es zu seiner ersten Amtshandlung. Es stieß ein Beamter des Kultusamtes hinzu, um dem nunmehrigen Minister gemäß Art. IV § 2 des Österreichischen Konkordats Mitteilung zu machen, daß der Heilige Stuhl beabsichtige, den Grazer Stadtpfarrer Johann Weber zum Bischof von Graz-Seckau zu ernennen.

In seiner relativ kurzen Ministertätigkeit wurden von Mock folgende Probleme angegangen bzw. gelöst: Das 9. Schuljahr an Gymnasien, das Anlaß für den Ministerwechsel war, wurde ausgesetzt, und dafür wurde eine Schulreformkommission eingerichtet, mit der eine überfällige Reformdiskussion der Schul- und Bildungspolitik in Gang gesetzt wurde. Einer der Berater Mocks in diesen Fragen wurde der 1967 an die Universität Wien berufene Pädagoge Marian Heitger (Wf, Nc). In Mocks Amtszeit wurde die gesetzliche Grundlage für die Errichtung der Hochschule für Bildungswissenschaften in Klagenfurt geschaffen und ein Kunsthochschul-Organisationsgesetz verabschiedet. Aufgrund eines bereits 1967 beschlossenen Gesetzes wurde der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung errichtet. Und Ende 1969 kam es zum Beschluß des Sportförderungsgesetzes.

Es war also nicht wenig, was Mock in seiner nur zehnmonatigen Amtstätigkeit in Gang setzen konnte. „Bis zu einem gewissen Grad stand er innerhalb der ÖVP für eine Strömung, die, den intellektuellen Aufbruch symbolisierend, die kontroversiellen gesellschaftlichen Themen der späten sechziger Jahre als positive Herausforderung begriff. Es bestand kein Zweifel, Alois Mock zählte im beginnenden Nationalratswahlkampf 1970 zu den Aktivposten der Regierungsmannschaft.“ (Helmut Wohnout)

ENDGÜLTIGER EINSTIEG IN DIE POLITIK: BUNDESOBMANN DES ÖAAB

Bundeskanzler Klaus gelang es mit Hilfe von Georg Prader jr. (Nc), dem Verteidigungsminister und Landesobmann der niederösterreichischen ÖVP, Mock für die Nationalratswahlen am 1. März 1970 auf einen sicheren Listenplatz unterzubringen. Somit war seine weitere politische Laufbahn, unabhängig davon ob die ÖVP in der Regierung blieb oder nicht, gesichert. Mock wurde gewählt und gehörte dem Nationalrat vom 31. März 1970 bis zum 3. April 1987, vom 5. November bis zum 17. Dezember 1990. Vom 7. November bis 12. Dezember 1994 und vom 8. Mai 1995 bis zum 28. Oktober 1999 an.

Mock war nun einfacher Abgeordneter und wurde nicht zuletzt wegen seiner eigentlichen Berufsstellung (Beamter des Außenministeriums) Mitglied im Außen- und Verteidigungsausschuß. Zusätzlich wurde er gebeten, bei den am 5. April 1970 stattgefundenen Gemeinderatswahlen in seiner Heimatgemeinde Euratsfeld für die ÖVP zu kandidieren. Das kam ihm insofern entgegen, weil das seiner Implementierung in seinem Wahlkreis „Viertel ober dem Wienerwald“ nützte. Am 12. Mai wurde er zum Bürgermeister gewählt. Doch es war allen klar, daß damit noch nicht das Ende seiner politischen Karriere erreicht war.

Ende 1970 gab Alfred Maleta (Cl) seinen Rückzug als Bundesobmann des ÖAAB bekannt. Daraufhin setzten die üblichen Personalspekulationen ein, bei denen u. a. Alois Lugger (AIn), Georg Prader (Nc) und Josef Taus (Baj) genannt wurden, nicht aber Mock. Erst kurz vor dem Bundestag des ÖAAB brachte Prader diesen ins Spiel. Da Taus eine Kandidatur ablehnte, wurde nun Mock am 22. Mai 1971 mit 259 von 303 Stimmen (85,5 Prozent) zum Bundesobmann des ÖAAB gewählt. Das war kurz vor dem Bundesparteitag der ÖVP, auf dem die Nachfolge von Withalm als Bundesparteiobmann geregelt werden sollte.

Mock war nun mit seiner Wahl zum ÖAAB-Obmann aufgrund der damaligen ÖVP-Struktur in die Führungsspitze der Partei aufgerückt – und mußte daher in der Folge sein Bürgermeisteramt aufgeben. Mit diesem neuen Amt war er nun besonders legitimiert, sich an der Programmdiskussion der ÖVP für den Bundesparteitag am 1. Dezember 1971 in Salzburg zu beteiligen. Dazu erschien sein Buch „Die Zukunft der Volkspartei“, in dem er für die Öffnung der Partei hin zur fortschrittlichen Mitte eintrat. Für ihn war das eine Voraussetzung, um die neuen, vor allem urbanen Mittelschichten zu gewinnen, was die Grundlage für eine Mehrheitsfähigkeit darstellte.

Die wichtigste Aufgabe für Mock war nun, den ÖAAB neu aufzustellen. Denn der bisherige Obmann Maleta ging in seinem Amt als Nationalratspräsident derart auf, daß für den ÖAAB kaum mehr Zeit blieb. Es mußte also die Bundesleitung des ÖAAB in der Laudongasse professionalisiert werden. Dazu wurden hauptberufliche Experten installiert, wie etwa Claus J. Raidl (Baj), sowie Berater herangezogen. Außerdem wurde mit 1. Juli 1972 Johann Gassner (Rt-D EM) zum Generalsekretär bestellt. Mock ging es vor allem darum, den ÖAAB zu einem profilierten Vertreter der Arbeitnehmerinteressen innerhalb der ÖVP zu machen. Das war nicht leicht gegenüber dem Wirtschafts- und Bauernbund.

Eine wichtige Aufgabe für Mock als ÖAAB-Obmann waren 1974 die Wahlen zu den Arbeiterkammertagen. Diese wurden vom ÖAAB erstmals professionell geführt und waren schließlich erfolgreich. Er konnte sich bundesweit um fünf Prozentpunkte auf 29,4 Prozent verbessen. Spektakulär war der Erfolg in Vorarlberg, wo der ÖAAB mit Bertram Jäger erstmals einen Arbeiterkammerpräsidenten stellen konnte. Auch in Tirol sank die SPÖ auf unter 50 Prozent. Der ÖAAB-Generalsekretär Gassner wurde 1975 Vorsitzender der Fraktion Christlicher Gewerkschafter und 1979 Vizepräsident des ÖGB, so daß er die Laudongasse verließ.

1975 war Wahljahr. Der ÖVP-Bundesparteiobman Karl Schleinzer geriet aus verschiedenen Gründen in Kritik und scharte um sich ein Spitzen-Wahlkampfteam, das den Namen „Junge Löwen“ bekam. Darunter befanden sich u. a. Mock, Taus, Josef Krainer jr. (AIn EM) und Josef Ratzenböck (AlIn EM). Doch Schleinzer erlag im Sommer plötzlich einem Verkehrsunfall, womit ein neuer ÖVP-Obmann gewählt werden mußte. Der Klubobmann Stephan Koren (Le EM), Mock und Taus wurden als Nachfolger genannt. Taus der bereits 1971 von den Steirern als Obmann forciert wurde, setzte sich 1975 durch und wurde, nicht zuletzt aufgrund der Unterstützung Mocks, zum ÖVP-Bundesparteiobmann gewählt.

MOCK ALS OPPOSITIONSFÜHRER: KLUB- UND BUNDESPARTEIOBMANN

Anfang 1978 wurde der bisherige Klubobmann Koren zum Präsidenten der Nationalbank bestellt. Das machte eine Neuwahl notwendig. Taus wollte zuerst diese Position zusätzlich selber übernehmen, doch dafür gab es innerparteiliche Schwierigkeiten. Seitens des ÖAAB wurde nun Mock nominiert, seitens des Wirtschaftbundes Robert Graf – er wurde 1987 Wirtschaftsminister. Schließlich wurde Mock mit 57 zu 48 Stimmen von den ÖVP-Nationalratsabgeordneten und Mitgliedern des Bundesrates zum Klubobmann gewählt, das waren 54,3 Prozent. Mock galt „ab dem Zeitpunkt seiner Wahl zum Klubobmann mehr denn je als Hoffnungsträger der Partei“. (Helmut Wohnout) Da nun klar war, daß er sich nicht mehr so wie bisher um den ÖAAB kümmern konnte, wurde Herbert Kohlmaier (Rd EM) am 22. April 1978 zum geschäftsführenden Obmann des ÖAAB gewählt.

Die erste Herausforderung für Mock als Klubobmann war die Frage einer Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes Zwentendorf im Tullner Feld. Hierbei gingen die Fronten quer durch die politischen Lager. Die SPÖ – und vornehmlich der ÖGB – waren für die Inbetriebnahme, der Wirtschaftsflügel der ÖVP ebenfalls. Doch bei ihr gab es vor allem wegen der Sicherheitsfrage Bedenken in urbanen Milieus, insbesondere um den Wiener ÖVP-Obmann Erhard Busek. Diese Spaltung versuchte die SPÖ strategisch zu nutzen, allerdings brachte Bundeskanzler Kreisky das Instrument einer Volksabstimmung ins Spiel. Die damalige mehrheitlich atomfreundliche Stimmung in der österreichischen Bevölkerung kippte jedoch, als Kreisky zwei Wochen davor die Volksabstimmung zu einer Vertrauensfrage für seine Person machte. Viele Wähler, vornehmlich der ÖVP, die sonst dafür gestimmt hätten, waren nun dagegen, so daß das Ergebnis 50,47 Prozent Nein-Stimmen lautete. Obwohl das primär eine schwere Niederlage der SPÖ bzw. Kreiskys war, wurde das auch als ÖVP-Erfolg gesehen. Kreisky hingegen zog daraus keine persönlichen Konsequenzen – ein sonderbares Beispiel der politischen Moral.

In der ÖVP hoffte man nun auf einen Erfolg bei den nächsten, um ein halbes Jahr vorgezogenen Nationalratswahlen im Mai 1979. Doch vergebens: Die ÖVP verlor zwei Mandate an die SPÖ und eines an die FPÖ. Für Mock als ÖAAB-Obmann war das insofern bitter, weil es kurz danach Arbeiterkammerwahlen gab. Er legte sich mit dem Motto „Helfen statt herrschen“ ins Zeug und hatte Erfolg. Der ÖAAB gewann zwei Prozentpunkte hinzu und kam über 30 Prozent.

Doch dann kam, was in der ÖVP in solchen Fällen immer kommen mußte: die Obmann-Debatte. Taus stellte Bedingungen für seinen Verbleib (Stärkung des Parteiobmanns, Schwächung der Bünde und Länderparteiorganisationen), die er nicht durchsetzen konnte. Daraufhin verzichtete er auf sein Amt als Parteiobmann. Die Frage der Nachfolge war rasch geklärt, denn es gab nur einen, der in Frage kam: Alois Mock. Am 7. Juli 1979 erfolgte auf einem ao. Bundesparteitag in der Wiener Stadthalle mit 97,5 Prozent seine Wahl zum neunten ÖVP-Bundesparteiobmann. Generalsekretär blieb weiterhin Sixtus Lanner. Im Gegensatz zu Taus behielt Mock die Position des Klubobmanns.

Die erste innenpolitische Frage, die Mock klären mußte, war die, ob man im Frühjahr 1980 einen Gegenkandidaten bei der Wiederwahl von Rudolf Kirchschläger als Bundespräsidenten aufstellen sollte. Man war unter dem Eindruck des Nationalratswahlergebnisses so realistisch genug, um dies zu verneinen. Man gab aber auch keine Wahlempfehlung ab. Mock hingegen organisierte seine doppelte Oppositionsführerschaft (Partei und Parlamentsklub). Er installierte Bereichssprecher und machte Kurt Bergmann (Dan) zum Politischen Direktor des Klubs (vergleichbar mit einem Fraktionsgeschäftsführer im deutschen Bundestag). Mock gelang auch eine Parteireform, die die Gesamtpartei stärkte. Die Bündeobmänner waren nicht mehr automatisch stellvertretende Parteiobmänner, sondern diese wurde nun vom Parteitag eigens gewählt. Das stärkte in der Folge den Eindruck von einer Geschlossenheit der ÖVP. Mock legte aber auch Wert auf eine neue programmatische Ausrichtung

Insgesamt gelang es Mock in den ersten Jahren seiner Obmannschaft, die ÖVP zu konsolidieren. Und die in die Jahre kommende SPÖ-Alleinregierung zeigte deutliche Abnützungserscheinungen, die die ÖVP und Mock für sich nutzen konnten, so u. a. der Skandal um das Wiener Allgemeine Krankenhaus (AKH). Deswegen kam es im August 1980 zu einer Sondersitzung des Nationalrats, bei der der SPÖ-interne Konflikt zwischen Kreisky und seinem sog. „Kronprinzen“ Hannes Androsch offenbar wurde.

Der nächste „Skandal“, den die ÖVP für sich nutzen konnte, war der um den Bau des Konferenzzentrums bei der Wiener UNO-City. Die politische Auseinandersetzung darüber begann 1981. Im Januar 1982 beschloß die ÖVP, gegen dieses Bauvorhaben ein Volksbegehren zu starten, das im Mai 1982 mehr als 1,3 Millionen Wahlberechtigte unterschrieben hatten. Eines der Plakate für dieses Volksbegehren entwarf der bekannte Künstler Gottfried Helnwein. Das Ergebnis war zweifelsohne ein großer Erfolg für Mock und die ÖVP, auch wenn man im Rückblick feststellen muß, daß diese Aktion eine „populistische“ Schlagseite hatte und eigentlich der internationalen Verankerung Österreichs nicht nützte. Trotzdem war das natürlich ein enormer Rückenwind für die nächsten Nationalratswahlen im Jahr 1983.

Im Frühjahr 1982 trat ÖVP-Generalsekretär Lanner zurück. Mock holte sich als Nachfolger den Quereinsteiger Michael Graff (AW), der durch die Art seiner Auftritte den konfrontativen Oppositionskurs der ÖVP verstärkte. Damit waren, so wie bis 1970, die beiden Spitzenfunktionäre der ÖVP wieder CVer. 1983 fanden Nationalratswahlen statt. Mock präsentierte sich als jugendlicher Herausforderer von Kanzler Kreisky, der bereits verbraucht wirkte, so insbesondere beim TV-Duell. Der Regierungswechsel in Deutschland und der Erfolg der CDU/CSU bei den Bundestagswahlen am 6. März 1983 gaben zusätzlichen Rückenwind. Bei den Nationalratswahlen am 24. April 1983 konnte die ÖVP stimmen- und mandatsmäßig zulegen und 43,2 Prozent sowie 81 Mandate (statt 77) erreichen. Vor allem war die zwölfjährige absolute Mehrheit der SPÖ zu Ende. Das war ein Erfolg für Alois Mock und seiner Politik.

Die SPÖ behielt jedoch die relative Mehrheit (90 statt 95 Mandate) und bildete mit der FPÖ (12 Mandate) eine Koalition mit Fred Sinowatz als Bundeskanzler. Somit verblieb für Mock weiterhin die Oppositionsrolle, die er aber gestärkt ausübte und darin auch erfolgreich war. Denn die neue SPÖ/FPÖ-Koalition bot zeitweise das Bild des Jammers. Die ÖVP bekam dadurch weiteren Aufwind und lag bei Meinungsumfragen zeitweise vorn, fiel aber 1985 wieder zurück, so daß Mock parteiintern etwas in Kritik kam.

Ab 1985 wurde in der ÖVP die Kandidatur für die im Frühjahr 1986 stattfindenden Bundespräsidentenwahlen diskutiert, wobei man sich bald auf den ehemaligen UNO-Generalsekretär Kurt Waldheim (später Wl EM) einigte. Anfang März 1986 tauchten dann Vorwürfe gegen ihn wegen einer angeblichen NS-Mitgliedschaft oder gar wegen einer Beteiligung an NS-Verbrechen auf, die gezielt von SPÖ-Seite lanciert wurden und auch eine internationale Dimension (siehe unten) erhielten. Diese waren natürlich haltlos, und das Wahlergebnis war für die SPÖ ein Rohrkrepierer. Bereits im ersten Wahlgang lag Waldheim deutlich vorn und konnte im zweiten Wahlgang klar gewinnen.

Die Folge war ein politisches Erdbeben. Sinowatz trat als Bundeskanzler zurück, sein Nachfolger wurde der bisherige Finanzminister Franz Vranitzky. Im September 1986 kam es beim FPÖ-Parteitag in Innsbruck zur „Machtergreifung“ Jörg Haiders, woraufhin die SPÖ die Koalition mit der FPÖ aufkündigte. Die Folge waren Neuwahlen, die am 23. November stattfanden. Der Wahlkampf lief nicht gut für die ÖVP bzw. für Mock. Noch war man auf Sinowatz eingestellt, nun gab es aber Vranitzky, gegen den Mock etwas steif wirkte. Außerdem wurde seitens einiger ÖVP-Politiker erklärt, auch im Fall als Zweiter in eine Große Koalition einzutreten.

Als die ersten Hochrechnungen am Wahltag in der ÖVP-Zentrale bekannt wurden, kam es zu einem Schwächeanfall Mocks. Er wurde vom ehemaligen Gesundheitssprecher der ÖVP, Günther Wiesinger (NdW), medizinisch versorgt. Sowohl die ÖVP als auch die SPÖ verloren Stimmen und Mandate zugunsten der FPÖ, die ihren Anteil fast verdoppeln konnte, und der erstmals im Nationalrat vertretenen Grünen. Allerdings verlor die SPÖ wesentlich deutlicher, nämlich zehn Mandate, bei der ÖVP waren es nur vier. Die FPO erreichte 18 Sitze (plus 6) und die Grünen auf Anhieb acht. Obwohl die SPÖ der eindeutige Verlierer war, wurde das angestrebte Ziel der relativen Mehrheit für die ÖVP nicht erreicht. Hierfür gab es drei Ursachen: Die bereits erwähnte nicht gerade glücklich geführte Wahlkampagne, der gegenüber Sinowatz attraktivere Kandidat der SPÖ und Jörg Haider. Gerade im Rückblick wird man aber sagen können, daß dieser die Hauptursache für das nicht erhoffte Abschneiden war.

Tragisch für Mock war, daß er es in seinem parteipolitischen Leben mit zwei Persönlichkeiten zu tun gehabt hat, die für mangelnde Wahlerfolge entscheidend waren: Zuerst mit dem „Sonnenkönig“ Bruno Kreisky und dann mit einer immer stärker werdenden FPÖ unter Jörg Haider. Es kam nun, was kommen mußte, nämlich Kritik an Mock vor allem aus der zweiten Reihe, etwa vom damaligen oberösterreichischen Landesrat Helmut Kukacka (A-D) oder vom damaligen Salzburger Landesparteisekretär Franz Schausberger (Rp). Dieses Vorgehen stieß wegen des Zeitpunkts, nämlich während der Regierungsverhandlungen, innerparteilich auf Kritik, wiewohl der steirische Landeshauptmann Josef Krainer jr. (AIn EM) und der Wiener ÖVP-Obmann Erhard Busek für die Kritik an Mock Verständnis zeigten.

Der Traum von der relativen Mehrheit wurde zwar nicht erreicht, doch die Bilanz von Alois Mock als ÖVP-Parteiobmann konnte sich trotzdem sehen lassen. Als er dieses Amt 1979 übernommen hatte, trennten die ÖVP von der SPÖ 18 Mandate im Nationalrat. Bei den Wahlen des Jahres 1983 halbierte sich diese Differenz auf neun, und bei den Wahlen von 1986 betrug der Unterschied nur mehr drei Mandate. Daß es so weit gekommen ist, war sicherlich das Verdienst von Mock. Von seinen Kritikern wurde das aber nicht so gesehen. Mocks Autorität in der ÖVP war angeschlagen, er war, um mit der Boxersprache zu reden, angezählt, was auch der weitere Verlauf der Geschichte zeigen sollte.

Doch nun galt es, eine Regierung zu bilden. Obwohl sich eine ÖVP/FPÖ-Koalition ausgegangen wäre und die fast 17-jährige SPÖ-Kanzlerperiode beendet hätte, wurde – wie erwähnt – vom sozialpartnerschaftlichen Flüge der ÖVP eine Große Koalition gebildet. Bei der Regierungsbildung erwies sich der politisch erfahrenere Mock gegenüber Vranitzky erfolgreicher. Er konnte zahlreiche inhaltliche Forderungen durchbringen und vor allem bei der Verteilung der Ressorts einen zahlenmäßigen Gleichstand durchsetzen, was auch von seinen innenparteilichen Kritikern respektvoll anerkannt wurde. Mock wurde natürlich Vizekanzler und übernahm gleichzeitig die Agenden eines Außenministers. Bei den übrigen Ressorts konnte er sich nicht mit allen seinen Vorstellungen durchsetzen. Heinrich Neisser (Rd), den er als Wissenschaftsminister haben wollte, wurde Kanzleramtsminister, welches Amt nach Mocks Wünschen eigentlich Wendelin Ettmayer (ehemals Alp) hätte übernehmen sollen. Dieser war von 1979 bis 1987 stellvertretender Generalsekretär des ÖAAB und damit Vertrauter von Mock. Robert Lichal (Rt-D) wurde Verteidigungsminister, Robert Graf Wirtschaftsminister, Marlies Fleming Familienministerin, Josef Riegler Landwirtschaftsminister und der bekannte Biochemiker Hans Tuppy Wissenschaftsminister. Riegler und Tuppy stammten aus der Katholischen Aktion (KA), die mit den Katholischen Hochschulgemeinden damals zu einer innerparteilichen Konkurrenz für den CV hinsichtlich der Personalrekrutierung wurde.

DIE DEMONTAGE MOCKS ALS BUNDESPARTEIOBMANN

Da die Regierungsbildung Ende 1986/Anfang 1987 für die ÖVP gut ausgegangen war und es keine ernsthafte personelle Alternative zu Mock gab, brach vorerst keine offene Obmanndebatte aus. Jedoch gab es nach der Ernennung Mocks zum Vizekanzler gleich einen Konflikt, bei dem die Bruchlinien innerhalb der ÖVP offenbar wurden. Es mußte ein neuer Klubobmann gewählt werden. Mock favorisierte Friedrich König (Dan EM), der von 1960 bis 1972 Vorsitzender der Österreichischen Jugendbewegung bzw. der Jungen ÖVP war. Sein Gegenkandidat war der damalige Generalsekretär des Wirtschaftsbundes und spätere Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, der nur knapp unterlag.

Mock agierte als Vizekanzler, d. h. als Anführer der ÖVP-Ministerriege, kompetent und zielstrebig, was gelegentlich Bundeskanzler Vranitzky irritierte. Beide hatten zueinander eine geschäftsmäßige Beziehung, mehr jedoch nicht. Überschattet wurde die Regierungsarbeit durch die sog. Waldheim-Affäre, d. h. konkret von der Setzung Waldheims auf die sog. „Watchlist“. Staatsbesuche von ihm in das europäische Ausland waren – abgesehen von jenem beim Heiligen Stuhl – unmöglich, wohl aber dafür in arabische Länder. Bundeskanzler und Außenminister mußten daher diese Aufgaben teilweise übernehmen und vor allem Waldheim international verteidigen.

Im Jahr 1987 eskalierte der sog. Draken-Streit, der sich auch zu einem innerparteilichen Konflikt ausweitete. Nachdem noch unter der SPÖ/FPÖ-Regierung 24 Saab Draken angekauft wurden, entzündete sich ein Streit um deren Stationierung. Diese wie auch die verbliebenen Saab 105 Jabo-Flugzeuge sollte vornehmlich in der Steiermark (Zeltweg und Graz-Thalerhof) stationiert werden, was dem dortigen Landeshauptmann Josef Krainer (AIn EM) mißfiel. Es wurde Anfang 1986 sogar ein Volksbegehren dagegen initiiert, das aber nur rd. 244.000 Unterschriften erzielte.

Sowohl Mock als auch Verteidigungsminister Lichal konnten und wollten weder den Kaufvertrag, noch die Standortentscheidung rückgängig machen. Der Konflikt eskalierte, und am 30. September 1987 brachten acht steirische ÖVP-Abgeordnete einen Mißtrauensantrag gegen den Verteidigungsminister ein, der im Mai zum Bundesobmann des ÖAAB gewählt wurde. Das war ein bislang wohl einmaliger Vorgang in der Geschichte der Zweiten Republik, nämlich daß gegen einen Minister ein Mißtrauensantrag von Abgeordneten der eigenen Partei eingereicht wurde. Das verschärfte natürlich den Konflikt zwischen Mock und der steirischen ÖVP. Eine Erholung der ÖVP von der vermeintlichen Wahlniederlage im Herbst 1986 konnte also nicht stattfinden.

Im Herbst 1987 kam es zu einem weiteren Rückschlag der ÖVP in Wien. Dort war inzwischen der populäre Helmut Zilk Bürgermeister geworden, und die Wiener FPÖ profitierte vom Haider-Effekt. Erhard Busek konnte den 1978 eroberten Vizebürgermeistersessel nicht mehr halten und wurde zu einem nicht amtsführenden Stadtrat zurückgestuft. Ebenso verlor Mock in diesem Herbst seinen Generalsekretär Graff, der wegen einer „politisch unkorrekten“ Äußerung in der Causa Waldheim zurücktreten mußte. Sein Nachfolger wurde der oberösterreichische Landesrat Helmut Kukacka (A-D). Und immer wieder gab es Nadelstiche gegen Mock, die meistens aus der steirischen und der Wiener ÖVP kamen.

Am 7. März 1988 mußte der ÖVP-Staatssekretär Johannes Dietz durch Günther Stummvoll ersetzt werden, weil er kritisiert hatte, daß in der Steuerreform nichts weitergehe. Im Sommer 1988 konnte man im „Kurier“ einen Kommentar zur innerparteilichen Situation lesen: In der ÖVP müsse geklärt werden, ob Mock der Spitzenkandidat bei den nächsten Nationalratswahlen ist. Wenn ja, dann müsse man voll und ganz hinter ihm stehen, wenn nein, dann müsse man Ersatz finden. „Ihn immer wieder – offen oder hinter vorgehaltener Hand – in Frage zu stellen, ist eine unfaire Haltung.“ Helmut Wohnout (Nc) meint dazu: „Die Tragik der ÖVP bestand darin, daß damals keine der beiden aufgezeigten Möglichkeiten befolgt wurde und das innerparteiliche Patt noch ein dreiviertel Jahr lang andauern sollte.“

Kurt Vorhofer (Nc), der Doyen der innenpolitischen Journalisten, wurde am 27. August 1988 in der „Kleinen Zeitung“ noch deutlicher: „Schon am Tag nach der Nationalratswahl ging der Sturm gegen Mock los, wobei die steirische ÖVP, genauer gesagt deren Spitzenleute, die Hauptakteure waren. Man hielt sich in den monatelangen Kampfhandlungen meist an das alte Kernstock-Motto: ‚Steirischer Holzer, holzt mir gut.‘ […] Jammervoll ist dieses ganze Kapitel aber insofern, als bis zum heutigen Tag die diversen innerparteilichen Mock-Kritiker es nicht zustande gebracht haben, auch nur einen einzigen Gegenkandidaten zu präsentieren. Namen wurden immer wieder genannt, aber das ist so lange uninteressant, als es sich eben nur um Namen handelt und keine Person, die voll dahinter steht.“

In diesem Zusammenhang muß man anmerken, daß Vorhofer vor 1979 eindeutig den von der steirischen ÖVP unterstützen Josef Taus vor seinem Bundesbruder Mock präferierte und diesen eigentlich nicht für geeignet hielt.

Dieser „Schwelbrand“ setzte sich fort, als am 16. Oktober 1988 die niederösterreichischen Landtagswahlen auch nicht zur Zufriedenheit der ÖVP ausfielen. Ebenso waren die Landtagswahlen am 12. März 1989 in Kärnten, Salzburg und Tirol für die ÖVP eine Niederlage. In Kärnten rutsche sie sogar auf den dritten Platz ab, und Jörg Haider wurde dort Landeshauptmann. In diesem Zusammenhang muß man jedoch anmerken, daß damals der Sinkflug der beiden großen Parteien einsetzte. Denn zum einen machte sich der Haider-Effekt für die FPÖ bemerkbar, zum anderen traten die Grünen als neue Partei auf. Das ging natürlich zu Lasten von ÖVP und SPÖ. In dieser Situation wäre es naiv gewesen zu glauben, es könne diesen Trend ein noch so strahlender Parteiobmann aufhalten bzw. sogar umdrehen.

Die Obmanndebatte in der ÖVP brach daher voll aus, obwohl Mock immer wieder betonte, beim nächsten Bundesparteitag im Juni 1989 kandidieren zu wollen. Auf der Sitzung am Bundesparteivorstand am 16. März 1989 meldete sich Landwirtschaftsminister Josef Riegler zur inneren Reform der ÖVP zu Wort und positionierte sich damit indirekt als Kandidat. Mit der Zustimmung Mocks wurde eine Wahlkommission eingerichtet, der der oberösterreichische Landeshauptmann Joseph Ratzenböck (AlIn) vorstand.

Anfang April kippte jedoch bei Ratzenböck, der an sich zu Mock loyal war, die Stimmung zuungunsten von dessen Wiederkandidatur. Auch Generalsekretär Kukacka war diesem Beispiel folgend von seinem Obmann abgerückt. Am 5. April tagte die Wahlkommission, wo man sich auf Riegler einigte, allerdings nur dann, wenn Mock freiwillig auf seine Kandidatur verzichte. Daraufhin kam es am Sonntag, dem 16. April, zu einem klärenden Gespräch mit Mock im Stift Melk, an dem die Landeshauptleute Ratzenböck und Siegfried Ludwig (AW) (Niederösterreich) sowie Riegler und Kukacka teilnahmen, dessen Ergebnis am 17. April zuerst in der Wahlkommission und dann im Bundesparteivorstand abgesegnet wurde.

Mock blieb Außenminister und wurde Ehrenvorsitzender der ÖVP, womit ein Sitz im Bundesparteivorstand verbunden war. Es blieben Lichal als Verteidigungsminister und König als Klubobmann. Busek wurde Wissenschaftsminister und Schüssel Wirtschaftsminister. Neisser schied als Kanzleramtsminister aus der Regierung. Riegler wurde Vizekanzler und übernahm die Agenden Neissers als Bundesminister im Bundeskanzleramt. Landwirtschaftsminister wurde Franz Fischler (später Merc EM), der dann Österreichs erster EU-Kommissar wurde.

Am 24. April wurde Mock als Vizekanzler, der zusätzlich mit der Leitung des Außenministeriums betraut war, entlassen und gleichzeitig zum Bundesminister für auswärtige Angelegenheiten ernannt. Sein Kabinettschef im Außenministerium war bis 1991 Emil Staffelmayr (Nc) und dann bis 1995 Wolfgang Loibl (Rd). Generalsekretär für auswärtige Angelegenheiten wurde bereits im Frühjahr 1987 Thomas Klestil (Baj).

Am 20. Mai 1989 fand der Bundesparteitag der ÖVP statt, bei dem Josef Riegler zum Bundesparteiobmann und Mock zum Ehrenobmann bestimmt wurden. Mock war neun Jahre und rund zehneinhalb Monate ÖVP-Bundesparteiobmann. Der bislang längste Obmann war Raab mit acht Jahren. Nach ihm sollte Schüssel mit elf Jahren und rund neun Monaten der bislang am längsten amtierende Obmann sein.

Die Demontage Mocks wurde damals aber auch später in der Historiographie als Auseinandersetzung in der ÖVP zwischen dem aufstrebenden KA-Flügel und dem „herrschenden“ CV-Flügel interpretiert. Dieter A. Binder bezeichnet die „Demontage des Bundesparteiobmanns Alois Mock“ als das eigentliche Ziel der KA-dominierten steirischen ÖVP um Josef Krainer jr. Das „profil“ schrieb aus Anlaß des Wechsels von Mock zu Riegler (24. 5. 1989): „Josef Riegler und die drei Minister seiner Wahl sind nicht im verschwörerischen CV, sondern in der weltoffenen KHJ groß geworden.“

Nach der für die ÖVP nicht befriedigende Nationalratswahl erschien am 13. Oktober 1990 in der „Kleinen Zeitung“ ein von CVern unterzeichnetes halbseitiges Inserat mit dem Titel „Die Zeit der Visionen ist vorbei!“ Dabei wurde die Demontierung des erfolgreichen Parteiobmanns Alois Mock (Nc) 1989 kritisiert, um einen neuen „handzahmen Parteiobmann“ (nämlich den KA-Mann Josef Riegler) zu kreieren. Das desaströse Wahlergebnis für die ÖVP sei nun die Quittung dafür.

Der ebenfalls aus der KA stammende Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“, Fritz Csoklich, machte daraus in einer Glosse am 24. Oktober eine Dolchstoßlegende: Es sei ein „betrüblicher Umstand, daß einzelne Gruppen im CV“ eine alte „Urfehde gegen prominente Nicht-CVer“ in der ÖVP betreiben würden, nur daß diese „aus anderen katholischen Gruppen kommen“. Aber in der Redaktion der „Kleinen Zeitung“ waren auch nicht alle einer Meinung von Csoklich. So forderte sein Stellvertreter Kurt Vorhofer (Nc) am 23. Oktober den Rücktritt Rieglers.

Rückblickend erscheinen diese Kontroversen verblassend. Denn die Ära Josef Riegler als ÖVP-Bundesparteiobmann hat sich als unbedeutend erwiesen. Schon bald danach konnte man sich kaum mehr an ihn erinnern. Auch hat sich die Demontage Mocks nicht in das einfache CV/KA-Schema einordnen lassen, denn daran waren auch CVer beteiligt.

Von Ende 1945 bis 1970 gab es vier Parteiobmänner, das waren durchschnittlich über sechs Jahre Amtszeit. Dann folgten von 1970 bis 1979 drei Parteiobmänner, also durchschnittlich drei Jahre Amtszeit. Dann kam es zur bislang längsten Amtsdauer mit Schüssel. Danach verschliß die ÖVP in den elf Jahren von 2007 bis 2018 vier Parteiobmänner, die jeweils je rd. 3,7 Jahre im Amt waren.

ERFOLGREICHER AUSSENPOLITIKER

Mock befaßte sich seit Studienende mit der Außenpolitik, die ihm schließlich formell in den Dienst des Außenministeriums brachte. Ab 1975 betrieb der damalige Bundesparteiobmann Josef Taus die Sammlung der europäischen christlich-demokratischen und konservativen Parteien in einer Art „schwarzen Internationalen“. Zwar gab es seit 1965 die Union der Europäischen Christlichen Demokraten (UECD), deren Gründungsmitglied die ÖVP war. Doch nicht zuletzt durch die Gründung der EWG, die dann in die EG bzw. die EU überging, und die Schaffung eines Europäischen Parlaments war diese Sammlung notwendig, um hier ein Gegengewicht gegenüber den Sozialdemokraten bilden zu können.

Schließlich konnte am 24. April 1978 auf Schloß Kleßheim (Salzburg) die Europäische Demokratische Union (EDU) gegründet werden, bei welcher Gelegenheit Taus zum ersten Präsidenten gewählt wurde. Mock war bei dieser Gründungsversammlung ebenfalls dabei, denn er war ja damals schon Vizepräsident der „European Christian Democrat Workers“ (EUCDA). Nach der Wahl von Mock als ÖVP-Obmann übernahm er dann von Taus auch die EDU-Präsidentschaft, dessen Sekretariat bei der ÖVP angesiedelt und zu dessen Exekutivsekretär Andreas Khol (R-B), damals Direktor der Politischen Akademie der ÖVP, bestellt wurde.

Nachdem sich auch außereuropäische christdemokratische bzw. konservative Parteien Interesse an der EDU gezeigt hatten, wurde 1983 als Erweiterung die IDU gegründet, deren Vorsitzender ebenfalls Mock wurde. Zu den Gründern der IDU gehörten u. a. George Bush sen., Jacques Chirac, Margaret Thatcher und Helmut Kohl. In seinen EDU- und IDU-Funktionen hatte Mock naturgemäß regelmäßigen Kontakt mit Spitzenpolitikern aus Europa sowie der übrigen Welt und wurde damit auch mit der internationalen Politik bzw. mit den Weltkonflikten vertraut. Mock blieb bis 1987 IDU-Vorsitzender, Präsident der EDU blieb er bis 1998. 2002 ging die EDU in der Europäischen Volkspartei (EVP) auf.

Das Engagement der ÖVP bzw. von Taus und dann vor allem von Mock bezüglich EDU und IDU hat Österreich bei seinen Bemühungen um einen Beitritt zur EG bzw. EU sehr geholfen. Denn dadurch entstanden zahlreiche enge persönliche Kontakte zu maßgeblichen europäischen Politikern. Im Rahmen der EDU konnte auch viel zur Kalmierung des Waldheim-Konflikts beigetragen werden.

Mock hatte bereits als Kabinettschef von Bundeskanzler Klaus dessen Bemühungen um einen Beitritt zur EWG erlebt, die damals wegen des Südtirol-Konflikts am italienischen Einspruch und wegen französischer Bedenken scheiterten. In der Ära Kreisky tat sich diesbezüglich wenig, auch deshalb weil die SPÖ sich zunehmend zur „Gralshüterin“ der Neutralität entwickelt hatte, was sie 1955 nicht war. Damals wandte sie sich gegen die Bemühungen von Bundeskanzler Julius Raab (Nc), bei den Verhandlungen mit der Sowjetunion zum Staatsvertrag die Neutralität ins Spiel zu bringen. Die ÖVP intendierte jedoch immer in Richtung EWG, und die FPÖ war ebenfalls für einen Beitritt.

Mit der Übernahme der Außenministerschaft durch Mock wurde diese Frage nun forciert. Doch es gab zuerst Schwierigkeiten mit der Haltung der Sowjetunion. Deren Botschafter in Wien hat bereits Anfang 1987 verlauten lassen, daß eine Mitgliedschaft Österreichs in der EWG „nicht vorstellbar“ sei. Doch Mock ließ sich davon nicht beirren. Er erteilte den österreichischen Botschaftern in den damaligen EG-Ländern die Weisung, sich für eine volle Teilnahme Österreichs am europäischen Binnenmarkt zu engagieren. Im Dezember 1987 wurde Mocks Vorschlag eines Konzepts der österreichischen Integrationspolitik im Ministerrat gebilligt.

Daraufhin intervenierte der sowjetische Botschafter in Wien neuerlich, den aber Mock beruhigen konnte, daß die Neutralität Österreichs deswegen nicht angetastet werde. Mock reiste im September 1988 nach Moskau und fand grundsätzliches Verständnis beim Außenminister Eduard Schewardnadse für den Wunsch Österreichs nach einem EWG-Beitritt, der aber auch das Problem Neutralität betonte. Bundeskanzler Vranitzky reiste kurz danach ebenfalls nach Moskau und traf dort mit Michail Gorbatschow sowie mit Ministerpräsident Nikolai Rischkow zusammen, die beide zwar freundlich zu Österreich waren, aber ebenso die Neutralität ins Spiel brachten.

Im Laufe der folgenden Monate einigten sich die Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP auf ein Beitrittsansuchen unter Bedachtnahme auf die Neutralität, wobei über den EU-Beitritt nach Abschluß der Verhandlungen eine Volksabstimmung stattfinden sollte. Der Ministerrat beschloß daher am 17. April 1989 ein solches Beitrittsansuchen. Das war letztlich ein Erfolg für Mock. Doch dieser Tag war für ihn nicht nur erfreulich. Am Abend tagte, wie bereits erwähnt, der Bundesvorstand der ÖVP, bei dem sein Ausscheiden als ÖVP-Bundesparteiobmann besiegelt wurde. So eng liegen in der Politik das „Hosianna“ und das „Crucifige“ beieinander. Mit Datum 14. Juli 1989, dem französischen Nationalfeiertag sowie dem 200. Jahrestag der Französischen Revolution, wurde – mit Bedacht – das Beitrittsgesuchschreiben datiert und am 17. Juli in Brüssel dem damaligen Kommissionspräsidenten Roland Dumas überreicht. Davor gab es allerdings noch Bedenken seitens Belgiens, die jedoch mit Hilfe Deutschlands und Frankreichs ausgeräumt werden konnten.

Das Jahr 1989 war ein besonderes Jahr für Alois Mock. Das Negative für ihn war zweifellos sein Hinausgedrängtwerden aus der Spitze der ÖVP. Doch rückblickend überwiegen für ihn die Positiva in diesem besonderen Jahr, wie bereits das EWG-Beitrittsgesuch gezeigt hat. Am 1. Januar 1989 konnte sich niemand vorstellen, wie dieses Jahr am 31. Dezember enden wird. Zwar deuteten sich in Polen, in Ungarn aber auch in der Sowjetunion mit Michail Gorbatschow Entwicklungen an, die auf einen, allerding noch moderat erscheinenden Änderungsprozeß hinwiesen. Doch daß am Ende dieses Jahres „kein Stein mehr auf dem anderen“ geblieben ist, hätte die Vorstellungswelt restlos überfordert.

Alois Mock war in diesem „annus mirabilis“, das in manchen historischen Deutungen das Ende des kurzen 20. Jahrhundert markiert, in vieler Hinsicht ein zentraler Akteur. Es begann noch ganz im Schatten des Kalten Krieges, als im Januar die Außenminister zum Abschluß des KSZE-Folgetreffens nach Wien kamen. Mit Österreich waren daran 35 Staaten beteiligt, wo es um Abrüstung und um die Verbesserung der Menschenrechtssituation ging. Anfang März war dann Mock Gastgeber zweier weiterer internationaler Treffen in Wien: der Konferenz über konventionelle Abrüstung und der Konferenz über vertrauensbildende Maßnahmen. Das alles war eine Bewegung hin zur Überwindung des Kalten Krieges.

Inzwischen war der 1988 begonnene „Läuterungsprozeß“ in Ungarn so weit gediehen, daß die Regierung in Budapest im späten Frühjahr 1989 beschlossen hatte, den Stacheldrahtzaun an der Grenze zu Österreich abzumontieren. Er symbolisierte nach der Berliner Mauer in besonderer Weise den „Eisernen Vorhang“, weil er in dieser Form nach dem Ungarnaufstand vom Herbst 1956 errichtet wurde. Nun hatte ein Fotograf, mit dem Mock eng zusammenarbeitete, bereits die ungarischen Soldaten beim Abmontieren fotografiert, doch merkwürdigerweise interessierte sich niemand für diese Fotos. Daraufhin intervenierte er im Außenministerium, und so kam es zu jener denkwürdigen Szene am 27. Juni 1989, wo Mock und sein ungarischer Amtskollege, der spätere Ministerpräsident Gyula Horn, gemeinsam in der Nähe des Grenzübergangs Klingenbach mit Eisenzangen den Stacheldrahtzaun medienwirksam durchschnitten.

Nun ging „ein Bild um die Welt“, und es entstand daraus eine Ikone, die kaum wie ein anderes Bilddokument so eindringlich dieses Jahr 1989 dokumentiert. Es wurde Bestandteil vieler historischer Darstellungen, Bücher und Abhandlungen zu diesem Jahr, ja überhaupt zum 20. Jahrhundert, und findet sich auch in Schulbüchern. Und das nicht nur in Österreich, sondern auch in Europa und der übrigen Welt. Es gab in diesem Jahr noch viele andere Gelegenheiten für solche Bilddokumente. Man denke an das Paneuropa-Picknick am 19. August an der ungarischen Grenze in der Nähe von Ödenburg (Sopron), wo es mehr als 600 DDR-Bürgern gelang, nach Österreich zu fliehen. Oder an jenen Auftritt des bundesdeutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag, dem alten Palais Lobkowitz auf der Kleinseite, der die Ausreise der auf das Botschaftsgelände geflüchteten DDR-Bürger verkündete. Oder an jenen denkwürdigen Donnerstag, dem 9. November, ein deutsches Schicksalsdatum, an dem der Fall der Berliner Mauer stattfand.

Doch diese Bilddokumente können nur bewegt bzw. mit Ton verstanden werden und vermitteln keine einfache Eindringlichkeit so wie das Bild vom Durchschneiden des „Eisernen Vorhangs“. Dieses hat die Anmutung gleichsam eines Durchschlagens des Gordischen Knotens, der bildhaft auch für die damalige Teilung Europas bzw. den Kalten Krieg gestanden hat. Und so vermittelt die Szene auf diesem Bild wie kein anderes diese nahezu einem Wunder gleichende Stimmung, die in dieser Zeit geherrscht hat. Es waren nicht die damaligen Hauptrepräsentanten der beiden Systeme, nämlich George Bush sen. und Michail Gorbatschow, die diese symbolträchtige Szene beherrschten, sondern die Außenminister zweier benachbarter Kleinstaaten, die sich nach 1945 in unterschiedlichen politischen Systemen wiederfanden, aber bis 1918 unter einer Krone vereint waren.

Alois Mock wird durch dieses Bilddokument lange – Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte? – in Erinnerung und präsent bleiben. Vielleicht hat er das zu seinen Lebzeiten schon gewußt oder zumindest geahnt. Seine innerparteilichen Widersacher, die ihm besonders in diesem Jahr übel mitgespielt hatten, sind schon bald danach in die allgemeine Vergessenheit herabgesunken. Ein Bilddokument von ähnlicher Symbolkraft war jenes, als sich am 22. September 1984 der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident François Mitterand in Verdun die Hand reichten.


Mock hatte eine besondere Beziehung zum tschechischen Schriftsteller und Dissidenten Václav Havel. Als Unterrichtsminister hatte er ihm im Juli 1969 den österreichischen Staatspreis für europäische Literatur verliehen, und als er 18 Jahre später, im Juli 1987, als Außenminister Prag besuchte, bestand er darauf, mit Havel zusammenzutreffen. Dieser wurde noch am 21. Februar 1989 zu neun Monaten Haft verurteilt, jedoch zehn Monate später, am 29. Dezember, im historischen Wladislaw-Saal des Prager Hradschin, der Residenz Kaiser Karls IV., Kaiser Sigismunds und Kaiser Rudolfs II., zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt.

Das Jahr 1989 symbolisierte nicht nur einen Epochenwandel, das erwähnte Ende des „kurzen 20. Jahrhunderts“ oder gar das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama), sondern es gab auch Anzeichen einer Revision der Pariser Vororteverträge von 1919, wenn man an den – leider blutigen – Zerfall Jugoslawiens sowie die Trennung der Tschechen und Slowaken denkt. In diesem Zusammenhang hatte der Tod der letzten österreichischen Kaiserin von Österreich und Königin von Ungaren Zita am 14. März 1989 eine besondere Symbolkraft. Sie war die letzte Repräsentantin des „langen 19. Jahrhunderts“.

Für Österreich bedeutete das Jahr 1989 einen grundsätzlichen Wandel seiner geopolitischen Situation, nämlich weg vom neutralen Pufferstaat an der Trennlinie zwischen Ost und West hin zu einer neuen Rolle für den zentral- und osteuropäischen Raum. Mock hatte diese neue Rolle rasch erkannt und angenommen. Er nahm sofort zu diesen postkommunistischen Staaten und deren Regierungen Kontakt auf und bot die Hilfe Österreichs bei der Überwindung des alten Systems an. Dies insbesondere dann, als Österreich bereits Mitglied der EU war und für diese Staaten als Anwalt für deren Beitrittsbemühungen auftrat. Das alles blieb aber nicht nur eine Einbahnstraße. Die österreichische Wirtschaft profitierte wie kaum eine andere von diesem Wandel – und das bis heute. Es ist bedauerlich, daß diese Chance für eine Neuausrichtung der österreichischen Außenpolitik vom Koalitionspartner SPÖ, insbesondere von Bundeskanzler Franz Vranitzky, nicht in dem Ausmaß erkannt und geteilt wurde.

„Die uneingeschränkte ideelle und politische Unterstützung, die der damalige Vizekanzler und Außenminister Alois Mock diesen Ländern zuteil werden ließ, hat Österreich größtes Ansehen in diesen Staaten gebracht.“ (Helmut Wohnout) Im Zusammenhang mit den entstandenen wirtschaftlichen Verflechtungen bekam der Ballhausplatz in diesem Raum oftmals mehr Einfluß, als er das vor 1914 gehabt hatte.

Doch dieses Wendejahr 1989 hatte nicht nur positive und hoffnungsvolle Seiten, sondern auch solche, die mit viel Leid verbunden waren. Das betraf vor allem den Zerfall Jugoslawiens. Das „kurze“ 20. Jahrhundert in Europa begann mit einem Balkankrieg und endete auch mit einem solchen. Mock wurde schon vor 1989 und viel früher als anderen europäischen Politikern bewußt, daß Jugoslawien – ein Konstrukt der Pariser Vororteverträge von 1919 – als solches nicht mehr zu halten war und zerfallen werde. Von politischen Beobachten (wie etwa Carl Gustaf Ströhm) wurde das mit dem Tod von Jozip B. Tito bereits vorausgesehen. Mock stellte bereits ab 1987 Überlegungen an, auf Jugoslawien durch Heranführung an die EFTA stabilisierend zu wirken, und machte im Rahmen seiner IDU/EDU-Funktionen die internationale Staatengemeinschaft auf dieses „Pulverfaß“ am Balkan aufmerksam,

Ab 1989 brach die Krise um Jugoslawien mit der Kosovo-Politik der Teilrepublik Serbien aus. Aufgrund der dabei auftretenden Menschenrechtsverletzungen befaßte Mock die KSZE damit. Er hatte bei jeder Gelegenheit das österreichische Interesse an einer friedlichen und demokratischen Entwicklung in Jugoslawien betont. Dieses ergab sich schon aus der unmittelbaren geographischen Nachbarschaft und der militärischen Sicherheit. Die Lage spitzte sich weiter zu, als sich in den meisten Teilrepubliken demokratische Entwicklungen abzeichneten, nicht jedoch in Serbien und damit bei der Zentralregierung.

Diese Entwicklung führte zwangsläufig zum Entschluß von Slowenien und Kroatien, die Unabhängigkeit zu erklären. Mock sicherte den beiden Teilrepubliken zu, sie dabei im Rahmen des üblichen völkerrechtlichen Verfahrens zu unterstützen. Dabei zeichnete sich international eine Meinungsbildung ab, die stark an das europäische Bündnissystem vor 1914 erinnerte. Mock hatte jedenfalls den deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher von seinem Weg überzeugen können. In Paris, London, Washington und Moskau nahm man hingegen eine distanzierte bzw. ablehnende Haltung ein.

Am 25. Juni 1991 beschlossen die Parlamente Sloweniens und Kroatiens ihre Unabhängigkeit. Mock stand in diesen Tagen in ständigem Kontakt mit den dortigen Politikern, aber der folgende militärische Konflikt in Jugoslawien ließ sich nicht mehr verhindern. Österreich verlegte Verbände des Bundesheeres an die slowenische Grenze, und der steirische Landeshauptmann Josef Krainer (AIn EM), einer der stärksten Kritiker des Bundesparteiobmanns Mock, war jetzt froh, daß die von ihm perhorreszierten Saab-Draken den Luftraum sicherten.

Mock sprach sich am 8. Juli 1991 vor dem Nationalrat für die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens aus, was Bundeskanzler Vranitzky ablehnte. Damit wurde neuerlich der außenpolitische Dissens in der Großen Koalition deutlich. Österreich, das damals Mitglied des UN-Sicherheitsrates war, brachte die Ereignisse in Jugoslawien dort zur Sprache und beantragte eine Sondersitzung. Innenpolitisch stand die SPÖ hinsichtlich der Anerkennung alleine da, alle anderen Parteien waren dafür. Nachdem es zwischen Mock und Genscher zu einer Akkordierung gekommen war, beschloß der Nationalrat am 8. Dezember 1991 die Anerkennung beider Staaten. Seitens einiger europäischer Politiker und amerikanischer Medien wurde behauptet, daß die vorschnelle Anerkennung den Bürgerkrieg ausgelöst hätte, was aber Mock widerlegte. Mock besuchte im Januar 1992 Kroatien und Slowenien und wurde dort unter dem Jubel der Bevölkerung empfangen. „Mit seinen Bemühungen um die Anerkennung Kroatiens und Sloweniens hat sich Alois Mock einen fixen Platz in den Geschichtsbüchern der beiden Staaten erworben.“ (Martin Eichtinger) So wurden in einem Ort der dalmatischen Insel Brac (Brazzia, Bratz) Denkmäler für Mock und Genscher errichtet.

Bereits ab Mitte 1991 zeichnete sich die nächste Tragödie in Bosnien-Herzegowina ab. Mock forderte bereits Ende 1991 die Entsendung einer UN-Friedenstruppe, was dann Anfang 1992 umgesetzt wurde. Im April 1992 erfolgte die internationale Anerkennung. Mock forderte zum Schutz der Bevölkerung Sicherheitszonen in Bosnien-Herzegowina, die dann im Mai 1993 von UNO –viel zu spät – beschlossen wurden. Das Jahr 1993 war geprägt von schweren Kämpfen, die mehr als 100.000 Opfer forderten. Aufgrund von ethnischen Säuberungen und Kampfhandlungen gab es um diese Zeit 2,2 Millionen Flüchtlinge und Kriegsvertriebene. Österreich hatte damals 80.000 Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien aufgenommen. Und im ORF organisierte Kurt Bergmann (Dan) die Spendenaktion „Nachbar in Not“.

Erst am 21. November 1995 wurde der Krieg in Bosnien-Herzegowina durch den Vertrag von Dayton beendet. „Alois Mock hatte stets das österreichische Interesse an einer friedlichen, demokratischen Entwicklung Jugoslawiens unter Einhaltung der Menschenrechte betont. Aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen und Einblicke […] war er allerdings früher als die meisten europäischen Außenpolitiker davon überzeugt, daß Jugoslawien als Staat nicht mehr aufrecht erhalten werden könnte. […] Die internationale Gemeinschaft sah dem Blutvergießen viel zu lange tatenlos zu und griff viel zu spät ein. Alois Mock dagegen hatte sich frühzeitig als weitsichtiger Mahner erwiesen.“ (Martin Eichtinger)

Eine andere außenpolitische „Baustelle“ war noch immer nicht erledigt, welche für die Verhandlungen zum EU-Beitritt Österreichs nicht unwichtig war: die Südtirol-Frage. Mit dieser hatte Mock bereits als Kabinettschef von Bundeskanzler Klaus zu tun, und mit seinem Amtsantritt Anfang 1987 war die Umsetzung der Maßnahmen des sog.. Südtirol-Pakets noch immer nicht zur Gänze erfolgt. Im Dezember 1987 traf sich Mock mit dem damaligen italienischen Außenminister Giulio Andreotti, den er von der EDU her gut kannte. Anfang 1988 konnte schließlich eine Einigung über die noch offenen Punkte des Pakets erzielt werden.

Es dauerte aber noch einige Jahre bis zur tatsächlichen Erledigung. Im April 1992 teilte die italienische Regierung in einer Note mit, daß alle Punkte erledigt worden seien, und Mock berichtete am 25. Mai darüber dem Nationalrat. Die Südtiroler Volkspartei (SVP) beschloß mit großer Mehrheit auf einem außerordentlichen Parteitag am 30. Mai, daß Österreich die Streitbeilegungserklärung abgeben könne. Das war eine wichtige Etappe für den EU-Beitritt Österreichs.

Nachdem nun im Juli 1989 Österreich sein Beitrittsansuchen bei der EU-Kommission abgegeben hatte, befand man sich bereits im vielzitierten „annus mirabilis“. Noch im August erhielt die österreichische Bundesregierung ein sog. „Aide.Mémoire“ seitens der Sowjetunion bezüglich der Neutralität, doch die folgenden Ereignisse, die letztlich zur Auflösung der Sowjetunion führten, machten diesen Vorbehalt praktisch bedeutungslos. Am 31. Juli 1991 verabschiedete die EU-Kommission ihr Gutachten zum österreichischen EU-Beitrittsansuchen, wo zwar festgestellt wurde, daß vor dem 1. Januar 1993 keine diesbezüglichen Verhandlungen aufgenommen werden können. Jedoch wurde gleichzeitig die Wirtschaft Österreichs und dessen Rolle für Ostmitteleuropa lobend hervorgehoben: „Der Beitritt Österreichs wäre für die Gemeinschaft global ein Gewinn, denn dadurch würde sich der Kreis jener Länder erweitern, die über genügend Leistungskraft […] verfügen, um die Wirtschafts- und Währungsunion rasch voranzubringen.“

Zwischenzeitlich konnte Österreich am 3. Mai 1992 dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) beitreten, einer Art Vorhof zur EU. Im Dezember 1992 beschloß der Europäische Rat die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Österreich, die mit 1. Februar 1993 festgesetzt wurden. Mit der Verhandlungsführung wurde seitens Österreichs Außenminister Mock betraut, auf Beamtenebene war das der Leiter der österreichischen EU-Mission Manfred Scheich (F-B). Es folgten nun die Verhandlungen zu den verschiedenen Sachbereichen auf unterschiedlichen Ebenen. Bedenken muß man, daß das für den Verhandlungsführer Mock damals insofern nicht leicht war, weil ja – wie bereits erörtert – parallel die Krise im ehemaligen Jugoslawien auch dessen Kräfte strapazierte.

Die Neutralitätsfrage wurde bereits im Herbst 1993 gelöst. Österreichischerseits verständigte man sich auf eine Definition der Neutralität, die eine Teilnahme an einem Krieg und eine Zugehörigkeit zu einem Militärbündnis ausschloß. Allerdings erklärte Österreich, daß es an der Weiterentwicklung sicherheitspolitischer Strukturen, so wie im EU-Vertrag vorgesehen, mitarbeiten werde und die Bestimmungen zur Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) der EU akzeptiere.

Die „Kleine Zeitung“ schrieb am 28. November 1993 anerkennend über Mock: „Alois Mock ist nicht mehr der glücklose ÖVP-Obmann. […] Er ist der Tagespolitik entrückt. Der österreichische Außenminister mußte, weil er sich seit einiger Zeit mit hauptsächlich der europäischen Integration und dem Konflikt im ehemaligen Jugoslawien zu beschäftigen hat,
sich zwangsläufig zu einer übergeordneten Instanz in politischer Philosophie und Moral mutieren. Also zum Mythos zu Lebzeiten.“

Am 25. Februar 1994 begann in Brüssel die Schlußrunde der Verhandlungen. Ein besonderer heikler Punkt war noch das Landwirtschaftsthema, wobei ein Abbruch der Verhandlungen zeitweilig im Raum stand. Als Mock diese plötzlich verließ, gab es wilde Spekulationen. Doch dann wurde das Geheimnis gelüftet: Er ging in die alte Brüsseler Kirche „Notre-Dame du Sablon“ und hat für den guten Abschluß der EU-Verhandlungen gebetet. Nach einer halben Stunde ist er sichtlich gestärkt wieder zu den Verhandlungen zurückgekehrt.

In diesen Tagen erhielt Österreich auch eine große Unterstützung durch Deutschland bzw. dessen Außenminister Klaus Kinkel (Gu), der während des gesamten Verhandlungsprozesses im Bedarfsfall für Österreich intervenierte. Dieser war ab Mai 1992 deutscher Außenminister und arbeitete in der Nachfolge Genschers mit Mock in der Balkanpolitik eng zusammen. Kinkel äußerte sich gegenüber der APA: „Österreich muß in die EU rein.“ Er werde alles tun, damit das gelinge. Kurz nach 22 Uhr des 1. März 1994 erfolgte die endgültige Einigung zwischen Österreich und der EU.

Dann trat ein erschöpfter aber strahlender Mock vor die Presse und verkündete in Anspielung an Leopold Figls (Nc) Ausspruch im Jahr 1955: „Österreichs Weg nach Europa ist frei!“ Dann erfolgte vor laufender Kamera der Kuß („Busserl“) für die Europa-Staatssekretärin Brigitte Ederer (SPÖ), der die exzellente Zusammenarbeit im Verhandlungsteam ohne Rücksicht auf die Parteizugehörigkeit dokumentieren sollte. Ähnlich wie das Bild vom Durchschnitt des Eisernen Vorhangs ging diese Szene in die österreichische Geschichte ein.

Noch in derselben Nach flog Mock nach Wien zurück, um am 2. März dem Parlament zu berichten. Nach seiner Rede vermerkt das Protokoll langanhaltenden Beifall. Nun galt es, die versprochene Volksabstimmung vorzubereiten. Doch davor billigte am 4. Mai das Europäische Parlament mit 378 zu 24 Stimmen bei 61 Enthaltungen den EU-Beitritt Österreich. Im Nationalrat betrug das diesbezügliche Abstimmungsergebnis 140 zu 35, im Bundesrat 51 zu 11. Am 12. Juni fand die Volksabstimmung statt. Mit 66,58 Prozent, nahezu zwei Drittel, der Stimmen wurde der EU-Beitritt gutgeheißen. Das war für Mock der Lohn für seine jahrelange Überzeugungsarbeit in Sachen Europas. Am Abend ging er mit seiner Frau, umjubelt als „Held von Brüssel“, durch die Wiener Innenstadt, um im Stephansdom beim Te Deum dabei zu sein. Alois Mock war am Höhepunkt seiner Popularität angelangt.

Am 24. Juni 1994 fand dann die feierliche Unterzeichnung auf der Insel Korfu statt, wo der Europäische Rat tagte. Dabei kam es im Vorfeld in Österreich zu Zwistigkeiten, da Bundespräsident Thomas Klestil (Baj) den Vertrag unterzeichnen wollte und auch in Hinkunft, ähnlich dem französischen Präsidenten, Österreich im Europäischen Rat vertreten wollte. Doch das konnte in seltener Einmütigkeit von der Großen Koalition abgewendet werden.

Nach den Nationalratswahlen im Herbst 1994 blieb Mock Außenminister, doch waren die Anzeichen seiner Krankheit schon seit einiger Zeit sichtbar, nicht zuletzt anläßlich der Beitrittsverhandlungen in Brüssel. Um weitere Spekulationen zu verhindern, teilte er im Februar 1995 der Öffentlichkeit mit, daß er an Parkinson leide. Nach eingehenden Beratungen trat er am 4. Mai 1995 von seinem Amt als Außenminister zurück. Sein Nachfolger wurde der bisherige Wirtschaftsminister Wolfgang Schüssel, der am 22. April 1995 anstatt von Erhard Busek zum ÖVP-Bundesparteiobmann gewählt wurde. Er war der dritte nach Mock.

Mock blieb bis 1999 noch Nationalratsabgeordneter, war aber aufgrund seiner fortschreitenden Krankheit, die ihm zwar physisch, nicht aber psychisch zu schaffen machte, zunehmend beeinträchtigt. Dadurch blieb ihm eine weitere politische Tätigkeit, etwa auf internationaler Ebene, versagt. Am 24. April 1995 war in der „Presse“ treffend zu lesen: „Kein Zweifel: Nicht nur in der Geschichte seiner Partei, sondern auch in der Österreichs wird Mock recht bald und schon zu Lebzeiten jenen zwei Männern an die Seite gerückt werden, die er selbst so oft als seine Vorbilder apostrophiert hat: Leopold Figl und Julius Raab.“

MOCK UND DER CV

Obwohl Mock in seiner Verbindung keine Hochcharge bekleidet hatte, war er zeitlebens ein begeisterter CVer. Auch förderte er bewußt junge Talente im CV, wo es ihm möglich war. Gerne trat er als Vortragender und Festredner bei Verbindungsveranstaltungen auf. Im CV war er zweifelsohne beliebt sowie geachtet und wurde zuletzt auch verehrt. Nicht zuletzt seine mit großer Geduld und in christlicher Demut ertragene schwere Krankheit, die seine Physis, nicht jedoch seinen Geist beeinträchtigte, rückte ihn in die Nähe der großen christlichen Duldergestalten. Ihm nahm man ab, daß er in seinem Leben die vier Prinzipien des CV verwirklicht hatte. Seine durch die Familie und von den Benediktinern in Seitenstetten geprägte volkskirchliche Frömmigkeit war echt und nicht aufgesetzt. Sie erstaunt in der heutigen, sich gerne säkular gebenden Zeit. Als es bei den Verhandlungen um den EU-Beitritt Österreichs in Brüssel „Spitz auf Knopf“ ging, verließ er plötzlich den Raum, um sich in der naheliegenden Kirche „Notre-Dame du Sablon“, der Lieblingskirche von Margarete von Österreich, der Tochter Kaisers Maximilian I. und Regentin der habsburgischen Niederlande, unter „dem Schutz und Schirm“ der Gottesmutter zu begeben und zu ihr, der „Trösterin der Betrübten“, zu beten.

Mock wurde in allen Biographien und sonstigen Darstellungen über ihn immer als aufrichtig, ehrlich, geradlinig, hilfsbereit, bescheiden, sparsam und in unermüdlicher und aufopfernder Weise als arbeitsam beschrieben. Letzteres war auch eine der Ursachen für seine schwindende Gesundheit. Das alles sind Eigenschaften, die in einer christlichen Lebenshaltung ihr Fundament haben.

Der Name Mock steht im CV auch paradigmatisch für politisches Engagement sowie den Einsatz für Österreich und – bei ihm besonders – für ein geeintes Europa. Auf einem Werbeplakat für die EU-Volksabstimmung 1994 stand zu lesen: „Wir sind Europäer. Österreicher bleiben wir.“ Treffender kann man das politische Motto Mocks wohl nicht ausdrücken. In der 1977 erschienenen ersten Auflage der Geschichte des ÖCV („Der CV in Österreich“) steht: „Mock war der vorläufig Letzte einer Reihe von CV-Ministern, die 1907 mit Alfred Ebenhoch (AIn) begann. Dieses „von Ebenhoch bis Mock“ gab damals zu wehmütigen Betrachtungen gab. Ebenhoch war das erste Urmitglied des österreichischen CV, der 1907 Minister wurde. Mock war aus der Perspektive des Jahres 1977 der letzte CVer, der 1969 zum Minister ernannt wurde. 1987 war er nach 17-jähriger Pause wiederum der erste CVer, der zu Ministerehren aufstieg. Und als er 1995 aus der Regierung wieder ausschied, war er damals (vorläufig bis 2008) der letzte CVer in der Regierung

So wie das Duo Leopold Figl (Nc) und Julius Raab (Nc) die Politik Österreichs und der ÖVP in den 15 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmte, so prägte Alois Mock die ÖVP in einem ähnlichen Zeitrahmen seit der ersten Hälfte der siebziger Jahre bis Mitte der neunziger Jahre. Seine persönliche Verbundenheit mit dem CV ließ ihn in diesen Reihen zu einer Identifikationsfigur werden. Sein Abgang von der politischen Bühne hinterließ gerade in dieser Hinsicht vorerst eine schmerzliche Lücke.

Eine interessante Fußnote der Geschichte ist, daß von Mai 1992 bis Mai 1995 mit Alois Mock und Klaus Kinkel (Gu) durch drei Jahre hindurch die deutsche und die österreichische Außenpolitik in einer entscheidenden Phase der Geschichte des 20. Jahrhunderts jeweils von CVern bestimmt wurde. Zum Festkommers der deutschen Cartellversammlung 1992 in Heidelberg unter dem Vorort der altösterreichischen Verbindung Ferdinandea Prag zu Heidelberg kamen und sprachen die beiden Außenminister. Die deutsche „Academia“ titelte ihren Bericht mit „Zwei Außenminister beim Kommers.“ Kinkel, ein Politiker der FDP, deutete dabei an, daß ihm „beim Einzug der Chargierten schon Gefühle überkamen, denn schließlich bin ich auch dreimal Senior der Guestfalia gewesen“. Und weiters vermerkt die „Academia“: „Echte Begeisterung kam auch auf, als der österreichische Außenminister Alois Mock eine flammende Rede für ein vereintes Europa hielt.“

Im übrigen ist ein merkwürdiges Phänomen bezüglich Festredner auf Jubelstiftungsfesten und deren Verbleib in politischen Funktionen zu beobachten – ebenfalls eine interessante Fußnote der CV-Geschichte. Alois Mock war Festredner beim 100. Stiftungsfest der Carolina im Jahr 1988. Ein Jahr später trat er als ÖVP-Bundesparteiobmann zurück. Beim 125. Stiftungsfest der Carolina im Jahr 2013 war Außenminister Michael Spindelegger (Nc) Festredner. Auch er trat ein Jahr später als Parteiobmann zurück. Dasselbe Schicksal traf auch Reinhold Mitterlehner (A-D). Der hat 2016 auf dem gemeinsamen Kommers aus Anlaß des 50. Stiftungsfestes der Austria-Danubia sowie der zeitgleichen CVV in Freistadt (Oberösterreich) eine Rede gehalten.

Mock war neben seiner Urverbindung noch Bandphilister von weiteren zehn CV-Verbindungen (siehe oben). Ebenso trug er das Band der Norica Nova und der Katholischen Österreichischen Landsmannschaft Maximiliana. Er war auch Ehrenphilister der MKV-Verbindungen Ostaricia Wien, Ostarrichia Amstetten und Wellenstein Bregenz. Die XXXVI. Cartellversammlung 1993 in Wien beschloß, ihm, der auch Vorsitzender des Kuratoriums des EKV war, den Ehrenring des ÖCV zu verleihen. Der Verleihungsakt fand dann am 23. Oktober 1993 statt. Rund zwei Monate später, am 18. Dezember, promovierte ihn seine Urverbindung zum Dr. cerevisiae. Die XLI. Cartellversammlung 1998 in Graz beschloß, ihm das Band „In vestigiis Wollek“ zu verleihen. Die Verleihung der höchsten Auszeichnung des ÖCV fand am 17. Oktober 1998 statt. Im Jahr 2000 erhielt Mock den Ehrenring des MKV. Er erhielt auch die Ehrendoktorwürde der Universitäten von Sarajevo (1993), von Zagreb (1993), der John-Hopkins-University in Baltimore (1995) und der Universität von Temesvár (1995).

Zu seinem 80. Geburtstag wurde Mock am 10. Juni 2014 in der Wiener Hofburg einem von der ÖVP veranstalteten Festakt geehrt. Bundespräsident Heinz Fischer würdigte ihn als „Mann von unantastbarer Integrität“ und „begeisterten Europäer“. Da er, im Rollstuhl sitzend, krankheitsbedingt nicht selbst sprechen konnte, dankte seine Frau für die Ehrung und erzählte aus seinem Leben. Noch zu seinen Lebzeiten wurden nach ihm ein Platz in seiner Heimatgemeinde Euratsfeld und eine Straße in Ruhengeri (Ruanda) benannt. Er starb nach langer Krankheit zehn Tage vor Erreichen seines 83. Geburtstages und einen Tag vor dem 48. Jahrestag seiner erstmaligen Ernennung zum Bundesminister (Unterrichtsminister). Gut zwei Wochen später (16. Juni) starb Helmut Kohl, der so wie Mock für die Überwindung der Teilung Europas steht.

Das Requiem wurde am 13. Juni von Weihbischof Helmut Krätzl im bis auf den letzten Platz besetzten Wiener Stephansdom zelebriert zelebriert. Unter den zahlreichen in- und ausländischen Trauergästen befanden sich u. a. Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ), Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ), Vizekanzler Wolfgang Brandstetter (Nc) sowie und Außenminister bzw. ÖVP-Obmann. Sebastian Kurz. Ebenso waren u. a. die früheren ÖVP-Obmänner Josef Taus (Baj) und Reinhold Mitterlehner (A-D) anwesend. Am nächsten Tag, dem 14. Juni, wurde Mock im engsten Familien- und Freundeskreis auf dem Döblinger Friedhof bestattet. Anwesend war der tags zuvor verhinderte Bundespräsident Alexander van der Bellen. Die Philistersenioren der Bandverbindungen Mocks warfen Band und Mütze in das offene Grab. Am 21. Juni 2017 fand im Festsaal des Wiener Rathauses der Trauerkommers der Urverbindung Norica statt, die Rede hielt der Alt-Abt des Stiftes Melk, Burkhard Ellegast (Nc).

Werke

Die Zukunft der Volkspartei. Eine kritische Selbstdarstellung (1971).
Verantwortung in Staats und Gesellschaft. Hg. (1977).
Durchbruch in die Moderne. Von der industriellen zur nachindustriellen Gesellschaft. Hg. (1981).
Standpunkte (1982)
… für Österreich. Meine politischen Konzepte (1986).
Heimat Europa. Der Countdown von Wien nach Brüssel (1994).
Das Balkan-Dossier (1994).

Quellen und Literatur

Verbindungarchiv Norica (Georg Schmitz).
Academia 85 (1992), S. 150.
Der CV in Österreich. Seine Entstehung, seine Geschichte, seine Bedeutung. Hg. von Gerhard Hartmann. Wien 1977, S. 91.
Vytiska, Herbert: Der logische Nachfolger. Alois Mock – Eine politische Biographie. Wien 1983.
Politik für das dritte Jahrtausend. Festschrift für Alois Mock zum 60. Geburtstag. Hg. von Erhard Busek, Andreas Khol (R-B) und Heinrich Neisser (Rd). Graz 1994.
Wachter, Hubert: Alois Mock. Ein Leben für Österreich. St. Pölten 1994.
Hartmann, Gerhard (Baj): Für Gott und Vaterland. Geschichte und Wirken des CV in Österreich. Kevelaer 2006, S. 138, 529, 570, 637, 640f., 680f., 693f., 698, 701, 739, 744 und 748.
Eichtinger, Martin/Wohnout, Helmut (Nc): Alois Mock. Ein Politiker schreibt Geschichte. Graz 2008 (diese hervorragende Studie war eine wesentliche Grundlage für die obige Biographie).
Binder, Dieter A.: Von der österreichischen zur steirischen Volkspartei, in: Binder, Dieter A./Wassermann, Heinz P.: Die steirische Volkspartei oder die Wiederkehr der Landstände. Graz 2008, S. 11–108, bes. S. 90..
Alois Mock. Visionen im Spiegel der Zeit. Hg. vom Alois Mock Institut. Bad Traunstein 2014 (Festschrift zum 80. Geburtstag).

Erstellt von Gerhard Hartmann am 07.06.2017
Zuletzt geändert von Gerhard Hartmann am 11.12.2017