Informationen

  Marian Heitger
Urverbindung: Winfridia (Breslau) zu Münster (02.02.1950)
Bandverbindungen: GrL, Nc
Geboren: 18.08.1927, Hamm (Nordrhein-Westfalen)
Gestorben: 07.04.2012, Wien
Position: Universitätsprofessor (Theoretische und Systematische Pädagogik)

Lebenslauf

Heitgers Gymnasialzeit in Hamm war durch Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft unterbrochen. Nach seinem Abitur im Jahr 1946 begann er das Studium an der gerade gegründeten Akademie für Lehrerbildung in Paderborn, wechselte aber dann für ein Studium der Pädagogik an die Philosophische Fakultät der Universität Münster (Dr. phil. 1954), wo er der Winfridia beitrat. Seit 1951 wurde er Assistent am Pädagogischen Seminar der Universität Münster und 1954 Mitarbeiter am Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster.

Von 1959 bis 1961 war er Studienprofessor an der Pädagogischen Hochschule, 1962 wurde er zum außerordentlichen Professor für Pädagogik an der Universität Würzburg berufen. 1967 wurde er dann zum ordentlichen Universitätsprofessor für Theoretische und Systematische Pädagogik an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien ernannt. Dort war dieses Fach bislang nicht ausreichend vertreten, so daß durch Berufung Heitgers eine Aufwertung erfolgte.

Heitger kam am Vorabend wichtiger gesellschaftlicher Umwälzungen nach Wien, die auch das Bildungswesen stark betroffen hatten. In diese mischte er sich bewußt durch öffentliche Stellungnahmen ein. Er vertrat den Standpunkt einer prinzipienwissenschaftlichen Pädagogik. Unter Prinzipien verstand er allgemeingültige und notwendige Voraussetzungen, die man annehmen muß, wenn man von bzw. über Pädagogik sprechen möchte. Eines dieser Prinzipien ist seiner Meinung nach die Selbstbestimmung des Menschen. Heitgers pädagogisches Werk trägt daher notwendige normative Züge. Er war der Auffassung, daß der Mensch aufgefordert ist, sich zu bilden bzw. pädagogisch tätig zu werden. Das ist aber nur per Dialog möglich. Die prinzipienwissenschaftliche Pädagogik Heitgers ist deshalb auch eine „Pädagogik des Dialogs“.

Clemens Steindl (Nc), ein Schüler Heitgers, schreibt in seinem Nachruf in „Academia inten“ über ihn: „Als Marian Heitger seine Professur antrat, war er ein Ereignis: Er kam mit den Erfahrungen der beginnenden Studentenrevolte, beherrschte den Jargon der Linken, scheute sich nicht vor kontroversen Debatten und erst recht nicht, seine Werte und Prinzipien offensiv zu argumentieren. […] Er wollte gesellschaftspolitisch etwas bewirken und suchte Anerkennung für seine Ideen in der Politik. Heitger war damals häufiger Gesprächspartner und Ideenanbieter auch für Alois Mock (Nc), Unterrichtsminister in der ÖVP-Alleinregierung von Josef Klaus (Rd). […] Mit seiner Wortgewalt und Argumentationskraft stand Heitger gegen die Verzweckung der Bildung und dagegen, daß Bildungseinrichtungen als (Hochleisungs-)Betriebe gesehen werden, die vorrangig den Kriterien der Nützlichkeit und der Verwertbarkeit genügen. […] Zeit seines Lebens argumentierte er gegen die geschwätzige Betriebsamkeit der Bildungsreformer und forderte, daß die Schule der Ort des Lernens sein müsse.“

Wie ein Kontrastprogramm zum modernen Mainstream liest sich Heitgers bildungspolitisches Credo: „Der junge Mensch soll lernen, sein Menschentum zu verwirklichen. Im Vordergrund steht deshalb nicht seine Qualifizierung für wirtschaftliche, politische und sonstige außer ihm liegende Zwecke.“ Gerade deshalb ist „in einer Zeit, da alles dem Gedanken der Nützlichkeit geopfert wird, die Parteinahme für den Menschen zur dringenden Aufgabe geworden“.

Ab 1981 betreute Heitger auch das Fach Sonder- und Heilpädagogik. Auch nach seiner Emeritierung 1995 hielt er Seminare in seinem ehemaligen Institut für Erziehungswissenschaften ab. Er war Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates der Universität Klagenfurt und Vizepräsident der Katholischen Akademie. Sein wissenschaftliches Anliegen wird vor allem durch seine zahlreichen Monographien dokumentiert (siehe unten Publikationsverzeichnis).

Heitger kam relativ rasch nach seiner Übersiedlung nach Wien in Kontakt zum CV bzw. zur Norica, die ihm dann bald das Band verliehen hatte. Er gern gesehener Vortragender bei Verbindungen, gelegentlich veröffentlichte er auch Beiträge in der „Österreichischen Academia“. Bei der Norica hat er bis zuletzt immer aktiv am Verbindungsleben teilgenommen. Kurz vor seinem Tod sollte er noch das 125-Semesterband der Winfridia auf der Norica überreicht bekommen, konnte aber wegen eines Sturzes nicht teilnehmen.

Als Heitger am Karsamstag des Jahres 2012 verstarb titelten sowohl „Die Presse“ als auch die „Wiener Zeitung“: „Der Erzieher der Nation ist tot.“ Er wurde auf dem Döblinger Friedhof in Wien beigesetzt.

Werke

(Auswahl)
Staat und Kirche im Problem der Bildung (Dissertation 1953).
Bildung und moderne Gesellschaft (Habilitation 1963).
Erziehung oder Manipulation. Die Problematik der Erziehungsmittel (1969).
Reflexionen und Empfehlungen zur Hochschulreform (1969).
ORF-Lehrgang: Erziehen, Lehren, Lernen (1970/71).
Pädagogik ohne Bildung – Jugend ohne Perspektive? (1979).
Reform für das Kind und seine Bildung (1981).
Beiträge zu einer Pädagogik des Dialogs (1983).
Prinzipenwissenschaftliche Pädagogik (1987).
Kanzel und Katheder. Zum Verhältnis von Religion und Pädagogik seit der Aufklärung (1994).
Von der Unverzichtbarkeit „allgemeiner Pädagogik“ für den Bildungsauftrag der Universität heute. Abschiedsvorlesung (1996).
Menschenrechte in der Erziehung – Erziehung zu Menschenrechten (1999).
Systematische Pädagogik – wozu? (2003).
Bildung als Selbstbestimmung (2004).

Quellen und Literatur

Die Presse, 10. 4. 2012 („Nachruf: Der Erzieher der Nation ist tot“).
Wiener Zeitung, 11. 4. 2012 („Marian Heitger: Der Erzieher der Nation ist tot“).
Steindl, Clemens (Nc): In memoriam Marian Heitger, in: Academia intern, 3/2012, S. 15.

Erstellt von Gerhard Hartmann am 02.01.2016