Informationen

  Hermann Withalm
Urverbindung: Norica (24.10.1930)
Bandverbindungen: Walth, Pan, Wl, Rd
Geboren: 21.04.1912, Gaweinstal (damals Gaunersdorf, Niederösterreich)
Gestorben: 20.08.2003, Wolkersdorf (Niederösterreich)
Position: Vizekanzler, Bundesobmann der ÖVP, Nationalratsabgeordneter, Vorsitzender der Altherrenschaft des ÖCV, Notar, Träger des ÖCV-Ehrenringes

Lebenslauf

HERKUNFT UND AUSBILDUNG

Withalm wurde als Sohn eines begüterten Landwirts und Mühlenbesitzers geboren, der auch Vizebürgermeister war. Sein Großvater Ignaz Withalm (1851–1910) war niederösterreichischer Landtagsabgeordneter sowie ab 1907 bis zu seinem Tod Reichsratsabgeordneter. Withalm wuchs also in einer Familie heran, in der ein politisches Engagement selbstverständlich war.

Withalm besuchte zuerst zwei Jahre das Stiftsgymnasium in Melk, um dann auf das nicht mehr existierende Jesuitengymnasium in Kalksburg bei Wien zu wechseln, wo er 1930 maturierte. Jahrgangskollegen von ihm waren u. a. der spätere Bundesminister Theodor Piffl-Percevic sowie der Kurien-Kardinal Guido Conte Del Mestri.

Danach studierte Withalm in Wien Jus (Dr. iur. 1935), wo er der Norica beitrat (Couleurname Stingl). Sein Leibbursch war Franz Baumgartner (Nc), der spätere Landesamtsdirektor von Niederösterreich. Damit gehörte Withalm zur „Bierfamilie“ von Leopold Figl (Nc) (dieser war Withalms „Bier-Urgroßvater“).

In der Verbindung bekleidete Withalm keine Charge, wohl aber die eines Ersten Schriftführers des Wiener CV für das Sommersemester 1933. Diese Funktion läßt den Schluß zu, daß er an den hochschulpolitisch turbulenten Ereignissen des Studienjahres 1932/33 nahe dran war. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird er die in dieser Zeit diesbezüglich agierenden Josef Klaus (Rd) und Heinrich Drimmel (NdW) gekannt haben. Sie sollten dann in den sechziger Jahren parteipolitische Mitstreiter, aber auch innerparteiliche Konkurrenten werden.

BERUFLICHER WERDEGANG

Nach dem Studium und dem Gerichtsjahr in Wien begann Withalm die Ausbildung zum Notar und wurde in Mistelbach Notariatskandidat. Er engagierte sich dort auch in der Vaterländischen Front (VF) und war ab 1936 Mitglied der Bezirksführung.

Dieser Umstand sowie auch seine Mitgliedschaft im CV führten im Jahr 1938 zu Konsequenzen. Im Mai mußte Withalm eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen, und mit 1. November 1938 wurde er aus der Notariatsausbildung entlassen. Bereits am 5. Dezember 1938 konnte er aber als Jurist bei der Reichsautobahn unterkommen.

Anfang 1942 wurde Withalm zur Deutschen Wehrmacht eingezogen, brachte es bis zum Obergefreiten und war zuletzt bei der Heeresstreife Wien tätig. Dort stand er in Kontakt mit der Widerstandsgruppe um Walter de Comtes (AW).

Nach dem Krieg nahm Withalm wieder seine Ausbildung zum Notar auf und bekam 1947 das Notariat Wolkersdorf zugesprochen, welche Stelle er bis zu seiner Pensionierung innehatte. Sein Notariat war die Basis für seine wirtschaftliche Unabhängigkeit, womit auch seine politische, vor allem aber seine innerparteiliche Position gestärkt wurde.

WITHALM ALS CV-FUNKTIONÄR

Im Jahr 1951 legte Franz Baumgartner, damals Bezirkshauptmann von Gänserndorf, aus beruflichen Gründen die Funktion des Vorsitzenden des Altherrenlandesbundes Niederösterreich zurück und schlug als Nachfolger seinen Leibfuchsen und inzwischen auch Schwager Withalm vor, der bis dahin keine Funktion im CV bekleidet hatte und dann dazu gewählt wurde.

Gegen Ende 1952 erkrankte der Vorsitzende der Altherrenschaft des ÖCV, Robert Krasser (Nc), schwer und konnte sein Amt nicht mehr ausüben. Krasser berief praeter legem Withalm zum geschäftsführenden Vorsitzenden. Dieser war nach Krasser der ranghöchste CV-Funktionär aus der Norica. Durch seine 1953 erfolgte Wahl in den Nationalrat legte Withalm bei der Cartellversammlung desselben Jahres diese Funktion zurück und schlug dafür seinen Leibburschen Franz Baumgartner vor, der es dann auch wurde. Aber dieser trat Ende des Jahres 1953 ebenfalls wegen beruflich-familiärer Gründe zurück und brachte seinerseits wieder Withalm dafür ins Gespräch.

Auf dem Altherrentag im Mai 1954 wurde Withalm neuerlich zum geschäftsführenden Vorsitzenden und im Mai 1955 dann nach offiziellem Ende der Funktionsperiode Robert Krassers endgültig zum Vorsitzenden der Altherrenschaft des ÖCV gewählt. Offenbar war diese Wahl aber von vornherein nicht ganz sicher, denn dieses Amt wurde auch Heinrich Drimmel angeboten, der das aber abgelehnt hatte.

Withalm hat sich als Vorsitzender der Altherrenschaft, der finanzstarken Teilorganisation des ÖCV, relativ bald eines wichtigen Themas angenommen, nämlich den Erwerb eines eigenen CV-Hauses. Im Jahr 1956 konnte von der Brauerei Schwechat bzw. von Mautner Markhof das Haus Lerchenfelderstraße 14 im 8. Bezirk erworben werden, in dem sich das bekannte Etablissement „Grünes Tor“ befand.

Der Kaufpreis machte 700. 000 öS aus, zusätzlich waren rd. 2,9 Millionen öS für Renovierungskosten aufzubringen. Withalm bediente sich für die Finanzierung dieses für die damalige Zeit nicht unerheblichen Gesamtbetrages von rd. 3,6 Millionen öS seiner Idee mit den „Volksaktien“, die er parallel als Staatssekretär im Finanzministerium forcierte.

So wurde noch 1956 die Gaststättenbetriebs AG, kurz GASTA, gegründet. Als Aktionäre wurden Verbindungen sowie entsprechend vermögende Alte Herren gewonnen. Diese GASTA war nun Eigentümerin des Hauses und Verpächter des Restaurants „Grünes Tor“. Sie bestand bis Mitte der achtziger Jahre. Damals übernahm die Altherrenschaft des ÖCV das Haus. Das Restaurant „Grünes Tor“ wurde aufgelassen, an seiner Stelle befindet sich nun ein bekannter Lebensmitteldiscounter (der Eigentümer übrigens bekennende Katholiken sind).

Die Funktion eines Altherrenschaftsvorsitzenden des ÖCV stand damals im Gegensatz zum Vorortspräsidenten eher im Hintergrund, der offiziell den ÖCV nach außen repräsentierte, war aber dafür in manchen Fragen umso wirksamer. Neben politischen Involvierungen, für die ja Withalm als Abgeordneter und vor allem ab 1956 als Staatssekretär geeignete Voraussetzungen mitbrachte, standen damals vor allem das wiederum verstärkte Auftreten des „Dritten Lagers“ im akademischen Bereich (Ring Freiheitlicher Studenten, schlagende Verbindungen) sowie die Konflikte mit der Katholischen Aktion (KA) im Vordergrund. Im letzten Fall dürfte es für das Gespräch förderlich gewesen sein, daß sein Schwager und Leibbursch Baumgartner zu dieser Zeit Funktionär der KA war.

Als Withalm auf dem Bundesparteitag der ÖVP am 12. Februar 1960 zum Generalsekretär gewählt wurde (siehe unten) legte er auf der Sitzung der Verbandsführung am 26. Februar das Amt des Vorsitzenden der Altherrenschaft des ÖCV zurück. In einem Schreiben vom 11. März 1960 von ihm heißt es u. a. „[…] sondern auch ich selbst stand und stehe auf dem Standpunkt, daß das Amt des Vorsitzenden der Altherrenschaft mit dem des Generalsekretärs der Österreichischen Volkspartei aus mehrfachen Gründen unvereinbar ist.“

Damit endete nach rund fünf Jahren Withalms Spitzenposition im CV, dem er auch nachher weiterhin stark verbunden blieb.

WITHALMS EINSTIEG IN DIE POLITIK UND ALS STAATSSEKRETÄR

Anfang 1952 hatte man Withalm die Funktion eines ÖVP-Bezirksparteiobmanns für den Gerichtsbezirk Wolkersdorf angetragen, wozu er dann gewählt wurde. Ob das so unvorhergesehen und so aus heiterem Himmel geschah, wie er es in seiner Autobiographie „Aufzeichnungen“ schildert, bleibt dahingestellt.

Withalm war aufgrund seiner freiberuflichen Tätigkeit Mitglied des Wirtschaftsbunds, aber infolge seiner Funktion als Notar, der u. a. sehr viel mit Verkauf von Grundstücken, Erbverträgen etc. zu tun hat, bekam er zwangsläufig einen engen und zusätzlich vor allem auch eine von gegenseitigem Vertrauen getragenen Kontakt zur Bauernschaft, mit der er aus der familiären Genese heraus schon ohnedies verbunden war. Diese Umstände dürften sicherlich mit ein Grund für seinen Einstieg in die Politik gewesen sein.

Eine sicherlich zwangsläufige Folge davon war dann seine Nominierung als ÖVP-Kandidat für die Nationalratswahlen Anfang 1953, die auch vom damaligen ÖVP-Bundesobmann Julius Raab (Nc) unterstützt wurde. Trotz der damaligen Stimmenverluste der ÖVP erreichte Withalm ein Mandat, d. h., er stand auf einem relativ sicheren Listenplatz. Sein Einstieg in die Politik trug wegen seiner beruflichen Stellung auch deutliche Züge einer „Honoratioren-Berufung“.

Dem Nationalrat gehörte Withalm dann vom 18. März 1953 bis zum 4. November 1975 an. Aus seinen autobiographischen Büchern geht hervor, daß er sehr gerne Parlamentarier und ein unbedingter Verfechter der parlamentarischen Demokratie war.

Wegen der persönlichen Bindung zwischen Raab und Withalm sowie dessen Stellung als Spitzenfunktionär des CV überrascht es aus rückblickender Perspektive kaum, daß am 12. Oktober 1956 Withalm als Nachfolger von Fritz Bock (NdW) zum Staatssekretär im Finanzministerium berufen wurde, welche Position er bis zum 16. Juli 1959 bekleidete. In dieser Funktion war er vor allem für die Regelungen des sog. „Deutschen Eigentums“ zuständig und setzte sich, nicht zuletzt bei der Abwicklung desselben, für die Ausgabe der sog. „Volksaktien“ ein. Das war die Ausgabe von Vorzugsaktien in kleinen Stückelungen vornehmlich auch an die Beschäftigten der Betriebe – oder anders ausgedrückt eine Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand. Diese Idee scheiterte schlußendlich weil sie weder den damaligen hohen Verstaatlichungsgrad einschränken, noch nachhaltig Eigentum breit streuen konnte.

WITHALM AM ZENIT

Nach der für die ÖVP ungünstig ausgegangen Nationalratswahlen im Herbst 1959 setzte eine Personaldiskussion ein. Nicht ohne Förderung Raabs konnte sich Withalm bei Reformüberlegungen für die ÖVP ins Spiel bringen, vielleicht auch deswegen, um dem Druck der Bundesländer, insbesondere der Steiermark, begegnen zu können.

Zusammen mit dem neunen ÖVP-Bundesparteiobmann Alfons Gorbach (Cl) wurde Withalm am 12. Februar 1960 zum Generalsekretär der ÖVP gewählt. In dieser Funktion setzte er neue Maßstäbe und baute die „Kärntnerstraße“ (Nr. 51), die damalige Parteizentrale im Palais Todesco, zu einer generalstabsmäßig geführten, schlagkräftigen Organisation aus.

Bei den ersten Nationalratswahlen unter der Verantwortung Withalms im Jahr 1962 wurden neue Methoden der Wahlwerbung eingeführt. Mit der Farbe grün auf den Plakaten gab es auch ein neues „corporate design“. Bei der Nationalratswahl 1966 wurde ganz auf den Kanzlerbonus von Josef Klaus (Rd) gesetzt („Klaus oder Pittermann“). In beiden Wahlen spielte auch die Warnung vor der „roten Gefahr“ eine Rolle.

Nach der erfolgreichen Wahl des Jahres 1962 verlor die ÖVP die Regierungsverhandlungen, die sich bis März 1963 hinzogen. Das Außenministerium konnte durch Beharrung der SPÖ nicht zurückgewonnen werden, und Withalm weigerte sich, das Koalitionsabkommen zu unterzeichnen. Das führte zu einer Entfremdung zwischen ihm und seinem Parteiobmann Gorbach. Es folgte unmittelbar das Debakel der Kandidatur des schwerkranken Julius Raab gegen den amtierenden Bundespräsidenten Adolf Schärf, gegen die Withalm Bedenken hatte. Abgerundet wurde das im Sommer 1963 mit der Krise um das Einreiseverbot von Otto Habsburg-Lothringen (NbW EM), die sog. „Habsburg-Krise“. Gorbach trat daraufhin im Herbst 1963 als Bundesparteiobmann und im April 1964 als Bundeskanzler zurück.

In diesen Jahren entstand auch das Image von Withalm als „Eisernen Hermann“, ein Epitheton, das vom damaligen Doyen der innenpolitischen Journalisten Österreichs ab Ende der sechziger bis Anfang der neunziger Jahre, Kurt Vorhofer (Nc), stammte.

Der neue Bundesparteiobmann Josef Klaus hatte im ersten Halbjahr noch kein Regierungsamt. Das bedeutete eine gewisse Einschränkung der Handlungsfreiheit Withalms in der Parteizentrale. Auch in der Folge war Klaus als Bundeskanzler in der Kärntnerstraße präsenter als sein Vorgänger Gorbach.

Nach den erfolgreichen Wahlen Anfang März 1966 – es sollten rückblickend die letzten dieser Art sein – übernahm Withalm am 19. April 1966 zusätzlich das Amt eines Klubobmanns im Parlament, war also Fraktionsführer der alleinigen Regierungspartei. Damit hatte er nicht nur den Parteiapparat in Funktion zu halten, sondern mußte beim Gesetzgebungsverfahren auch auf die Klubdisziplin achten.

Die Erfolgsschiene der ÖVP, die im Herbst 1962 begonnen hatte, fand im Herbst 1967 mit dem schlechten Abschneiden der ÖVP bei den Landtagswahlen in Oberösterreich, wo Landeshauptmann Heinrich Gleißner (S-B) knapp mit Hilfe der FPÖ gehalten werden konnte, ein Ende. Einher ging damit ein Ansehensverlust der Regierung. Die parallele Wirtschaftskrise förderte zusätzlich diese negative Stimmung gegen die ÖVP. So wurde Ende 1967 von einer „Hofübergabe“ geredet, d. h. einem Abtreten von Klaus und eine Kanzlerschaft von Withalm.

Herausgekommen ist aber lediglich, daß Withalm am 19. Januar 1968 zusätzlich zu seinen bisherigen beiden Ämtern – Generalsekretär und Klubobmann – zum Vizekanzler (ohne Portefeuille) ernannt wurde. In seiner Person kumulierte also in den Jahren von 1968 bis 1970 eine Ämterfülle, die kaum Vergleichbares in der Geschichte des deutschsprachigen Raumes nach 1945 findet: Vizekanzler und als solcher praktisch Regierungskoordinator (Kanzleramtsminister), Klubobmann bzw. Fraktionsführer im Parlament und Generalsekretär der alleinigen Regierungspartei.

Mit ihm trat als Finanzminister Stephan Koren (Le EM), mit dem man hoffte, die wirtschaftlichen Fragen zu lösen, in die Regierung ein. Doch all das reichte nicht. In den folgenden Landtagswahlen, etwa in Salzburg und Wien 1969, gab es weitere Rückgänge für die ÖVP. Auf der anderen Seite, der SPÖ, gab es mit Bruno Kreisky einen gewichtigen Herausforderer.

Bei den Nationalratswahlen Anfang März 1970 verlor die ÖVP nicht nur die absolute Mehrheit, sondern erreichte nicht einmal mehr die einfache Mehrheit. Obwohl die FPÖ vor den Wahlen erklärte, einen SPÖ-Kanzler zu verhindern, wurde die Chance einer ÖVP-FPÖ Koalition durch eine Erklärung von Josef Klaus am Wahlabend vor laufender Kamera zunichte gemacht.

Klaus trat als Parteiobmann schon am 21. Mai 1970 zurück. Nicht zuletzt mangels Alternativen – man hatte auch kaum Zeit, solche zu überlegen – wurde Withalm zum Bundesparteiobmann gewählt. Im Herbst 1970 gab er sein Amt als Klubobmann an Stephan Koren ab. Withalm war realistisch genug, um sich selbst nur als Übergangslösung zu betrachten. Am 4. Juni 1971 trat er auch als Bundesparteiobmann zurück und blieb bis 1975 noch Nationalratsabgeordneter.

WITHALMS BEINAHE-COMEBACK

Nach einem Angebot des Verlages Styria im Jahr 1971 sollten noch zwei Jahre verstreichen, bis Mitte November 1973 Withalms Memoiren „Aufzeichnungen“ erschienen sind. Entsprechende Werbemaßnahmen, vor allem Lesereisen durch Österreich, rückten ihn wieder in den Blick der Öffentlichkeit. Der nunmehrige Autor Withalm erfuhr dabei eine hohe Welle der Sympathie, die man eigentlich wegen seines bisherigen Images nicht erwartet hätte, und brachte für ihn um die Jahreswende 1973/74 einen so nicht vorhersehbaren Popularitätszuwachs.

Das führte zu einer „Vorab“-Nominierung Withalms als Kandidat für die Wahlen zum Bundespräsidenten. Der ÖVP-Bundesparteiobmann Karl Schleinzer hatte ihn erstmals im Dezember 1973 gefragt, ob er bereit wäre, für dieses Amt zu kandidieren. Der Wahlkampfleiter der ÖVP, Generalsekretär-Stellvertreter Heribert Steinbauer (ehemals AW), mußte nun für einen Kandidaten einen Wahlkampf vorbereiten, der offiziell noch nicht nominiert war und wo der Wahltag noch nicht feststand, weil der bisherige Amtsinhaber, Bundespräsident Franz Jonas, zwar sterbenskrank, aber noch am Leben war. So wurde eine Sonderausgabe seines Buches so wie die erste Serie der Wahlplakate noch zu Lebzeiten von Franz Jonas gedruckt, also noch vor einer offiziellen Nominierung Withalms.

Erst nach dem Tod von Jonas am 24. April 1974 konnte eine solche stattfinden. Doch in den wenigen Tagen bis zum Nominierungsparteitag am 29./30. April in Kapfenberg kam es zum plötzlichen Umschwung in der ÖVP. Seitens gewissen Kreise der Industrie aber auch mancher Länder, allen voran von Tirol mit Landeshauptmann Eduard Wallnöfer (Le EM), kamen plötzlich gegen Withalm Bedenken auf, ob er der geeignete Kandidat gegen den von der SPÖ aufgestellten Rudolf Kirchschläger (ehemals Kb; MKV Waldmark Horn) sei.

Withalm wurde somit nicht nominiert, an seiner Stelle wurde es der „Olympia“-Bürgermeister von Innsbruck, Alois Lugger (AIn). Über die Hintergründe seiner Nicht-Nominierung hat Withalm ein eigenes Kapitel in seinem zweiten Buch „Antworten“ geschrieben. Erstaunlicherweise nannte er dabei Personen und kritisierte sie wegen ihres Verhaltens ihm gegenüber. Darunter zählte u. a. auch der niederösterreichische ÖVP-Landesobmann Georg Prader jr. (Nc).

In der „Österreichischen Academia“ erschien noch vor der Wahl am 23. Juni 1974 ein auch im Rückblick interessanter Beitrag, der diese „Umnominierung“ kritisierte: „Man hat, indem man Lugger nominierte, vom Elektrobetrieb auf Dampfbetrieb zurückgeschaltet. Während man vorgab, der unsentimentalen E-Lok Withalm die Bewältigung der Tauern-, Arlberg- und Semmeringstrecke nicht zuzutrauen, sehnte man sich in Wirklichkeit nach der romantischen Welt der Dampflokomitive…“

Es ist natürlich im Nachhinein müßig zu spekulieren, ob ein Kandidat Withalm besser abgeschnitten hätte als Alois Lugger. Gewisse Wahl-Ergebnisse in Ost-Österreich und andere Hinweise lassen aber einen solchen Schluß in den Bereich des Möglichen rücken.

Withalm hatte beabsichtigt, am Tag nach der Bundespräsidentenwahl, das war der Montag, der 24. Juni 1974, sein Mandat als Nationalratsabgeordneter niederzulegen. Aus diesem Anlaß wollte er an die Nationalratsabgeordneten und Mitglieder des Bundesrates der ÖVP mit einem Begleitschreiben einen Sonderdruck des letzten Kapitels seines noch nicht erschienenen zweiten Buches verschicken lassen. Nachdem alles in diesem Sinne vorbereitet war, sagte Withalm am 24. Juni in der Früh diese Aktion ab und blieb Nationalratsabgeordneter.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament war Withalm von 1976 bis 1988 Obmann des ÖVP-Seniorenbundes und entdeckte dabei für sich dieses Politikfeld. Withalm gehörte wohl zu den bedeutendsten und in seiner Art eigenwilligsten Politiker-Persönlichkeiten der Zweiten Republik. Er war in den sechziger Jahren einer der einflußreichsten Politiker der ÖVP und damit auch Österreichs. Als Generalsekretär machte er die Parteiorganisation zu einem schlagkräftigen und modernen Instrument, was ihm die Erfolge bei den Wahlen der Jahre 1962 und dann vor allem 1966 einbrachte. Er gehörte zu den zentralen Figuren der sog. „Reformer“ in der ÖVP um – anfänglich – Alfons Gorbach (Cl) und dann um Josef Klaus (Rd), konnte aber dessen Niedergang ab 1967 auch nicht aufhalten.

Withalm erhielt für seine Verdienste um den ÖCV, vor allem als Altherrenschaftsvorsitzender, den Ehrenring des ÖCV verliehen. Er war auch Ehrenphilister der MKV-Verbindungen Nordgau Laa (1954), Herulia Wolkersdorf (1958) und Chremsia Krems (1966).


Werke

(Gemeinsam mit Karl Pisa) Österreich 1970. Herausforderung und Antwort (1963).
Aufzeichnungen (1973, 2. Aufl. 1974).
Antworten (1974).
Brennpunkte (1975).
Aus meinem Gästebuch (1977)
Altwerden in Menschenwürde (1982)

Quellen und Literatur

Österreichische Academia 25 (1973/74), Mai/Juni, S. 44 (Peter Weiser über die Umnominierung) und 54 (2003). Heft 5, S. 16 (Nachruf von Gerhard Hartmann: „Seine Stärke gehörte uns allen“).
Hartmann, Gerhard (Baj): Für Gott und Vaterland. Geschichte und Wirken des CV in Österreich. Kevelaer 2006, bes. S. 568f.
Demokratie und Geschichte. Jahrbuch des Karl von Vogelsang-Instituts zur Erforschung der Geschichte der christlichen Demokratie in Österreich. Hg. Helmut Wohnout. Jahrgang 11/12 – 2007/2008. Wien 2009 (Themenschwerpunkt Withalm).
Darin besonders folgende Beiträge:
Wohnout, Helmut (Nc): Hermann Withalm – eine prägende Gestalt der österreichischen Politik, S. 21–40.
Hartmann, Gerhard (Baj): Nil petere, nil recusare: Hermann Withalms Werdegang in die Politik, S. 41–52.
Schönner, Johannes (AW): Hermann Withalm und die „Causa Habsburg“, S. 91–107.
Bruckmüller, Ernst (Nc): Der Parlamentarier Hermann Withalm, S. 109–127.
Steinbauer, Heribert (ehemals AW): Ein Wahlkampf ohne Wahlen: Stationen einer politischen Entscheidung, S. 147–159.
Hartmann, Gerhard (Baj): Habent sua fata libelli: Hermann Withalm und die Inszenierung eines Buches, S. 161–169.

Erstellt von Gerhard Hartmann am 11.05.2013
Zuletzt geändert von Gerhard Hartmann am 12.12.2017