Informationen

  Kurt von Schuschnigg
Urverbindung: Austria Innsbruck (27.10.1919)
Bandverbindungen: R-D, M-D, Am, Trn, Pan, Wl, Nc, Dan, AW, BbW, Rd, F-B, Vi, Le, AlIn, Cl, Walth
Geboren: 14.12.1897, Riva am Gardasee (damals Tirol, nunmehr Provinz Trient)
Gestorben: 18.11.1977, Mutters (Tirol)
Position: Bundeskanzler, Bundesminister, Nationalratsabgeordneter, Rechtsanwalt, Universitätsprofessor (Politikwissenschaften), Träger des Bandes „In vestigiis Wollek“
Politische Haft: 1938/39 Gestapohaft Wien, 1939/41 Gestapohaft München, 1941-45 KZ Sachsenhausen, 1945 KZ Flossenbürg und Dachau

Lebenslauf

HERKUNFT, AUSBILDUNG UND EINSTIEG IN DIE POLITIK

Schuschnigg wurde als Sohn eines Offiziers geboren, dessen Familie ursprünglich aus Klagenfurt stammte und teilweise slowenischen Ursprungs (Šušnik) war. Sein Großvater versah bei dem zur k. u. k. Armee bzw. zur k. k. Landwehr gehörenden Gendarmerie-Korps seinen Dienst. Er brachte es bis zum Landesgendarmeriekommandanten von Tirol, wurde 1898 nobilitiert („Edler von“) und als Generalmajor pensioniert. Sein Vater beendete 1918 ebenfalls als Generalmajor seinen dortigen Dienst.

Weil sein Vater gerade in Wien stationiert war, besuchte Schuschnigg die Volksschule in Wien-Hütteldorf und trat dann 1907 in das Jesuitengymnasium Stella matutina in Feldkirch ein, wo er 1915 maturierte. Am 1. Juli 1915 rückte er als Einjährig-Freiwilliger zum Festungsartillerieregiment Nr. 4 ein, nachdem er formhalber an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck inskribiert hatte. Im Mai 1916 kam er an die Südwestfront und machte dort ab der 6. Isonzoschlacht die Kämpfe bis zum Ende mit.

Zuletzt war er als Oberleutnant der Reserve im Verband der 6. Armee, dessen letzter Kommandant sein späterer Ministerkollege Generaloberst Alois Fürst Schönburg-Hartenstein (Dan EM) war. Seine Auszeichnungen waren: Militärverdienstkreuz mit Kriegsdekoration und Schwertern, silbernes Signum laudis, Signum laudis am Band mit Schwertern, silberne Tapferkeitsmedaille II. Klasse und Karl-Truppenkreuz.

Im Frühsommer 1918 bekam Schuschnigg einen zweimonatigen Studienurlaub. Zu Ende des Krieges geriet er in italienische Gefangenschaft, aus der er erst im September 1919 nach Österreich zurückkehrte.

Sofort nahm Schuschnigg in Innsbruck wieder das Studium auf, wo er der Austria beitrat (Couleurname Dr. cer. Teut) und auch Senior war. Im selben Jahr wie er wurde u. a. auch der erste Landeshauptmann von Südtirol Karl Erckert (AIn) aufgenommen. Schuschnigg beendete das Studium Ende Oktober 1921 (Dr. iur.), absolvierte danach die Gerichtspraxis und schlug die Rechtsanwaltslaufbahn ein. Zusätzlich belegte er auch den Abiturientenkurs der Handelsakademie.

Als Legitimist stand Schuschnigg anfänglich dem neuen Staat distanziert gegenüber, jedoch war er von der Persönlichkeit von Ignaz Seipel (Nc EM) tief beeindruckt und fand so den Weg in die Politik. Er wurde 1924 Obmann des Tiroler Katholischen Volksvereins, einer Gliederung der unter dem Namen Tiroler Volkspartei agierenden Christlichsozialen.

Damit war für Schuschnigg der Weg für eine erfolgreiche Kandidatur bei den Nationalratswahlen des Jahres 1927 geebnet. Mit nicht einmal 30 Jahren zog er als jüngster Abgeordneter – übrigens gemeinsam mit Julius Raab (Nc) – am 18. Mai 1927 in den Nationalrat ein, dem er bis zum 2. Mai 1934 angehörte.

Im Parlament betätigte sich Schuschnigg im Verfassungs-, Justiz- und Budgetausschuß. Bei der Verfassungsnovelle 1929 war er Berichterstatter im Plenum. Allerdings ist ihm ein nennenswerter materieller Anteil an dieser Novelle nicht nachzuweisen.

SCHUSCHNIGG UND DIE OSTMÄRKISCHEN STURMSCHAREN

Die Entwicklungen in der Heimwehr, wie etwa das sog. Korneuburger Gelöbnis, ihre Kandidatur bei den Nationalratswahlen 1930 oder das Bündnis mit der NSDAP, veranlaßten Schuschnigg, im Oktober 1930 die „Ostmärkischen Sturmscharen“ (OSS) zu gründen. Ihre Wurzeln lagen in einer Tiroler katholischen Jugendorganisation. Bald entstanden auch in anderen Bundesländern Landesverbände, und am 29. Juni 1932 ist die gesamtösterreichische Organisation zum ersten Mal in Wien öffentlich aufgetreten.

Ihr „Ehrenführer“ wurde später Engelbert Dollfuß (F-B), Schuschnigg war der „Reichsführer“, sein Stellvertreter der Gendarmeriemajor Josef Kimmel (Rd). Der Artikel I der Satzungen lautete: „Jeder Sturmschärler weiht sein Leben Gott und dem Vaterlande. Er kämpft für den christlichen Staat und daher für die Rechte der Kirche.“

Die Sturmscharen verstanden sich u. a. auch als geistige Erneuerungsbewegung und sollten ein betont christliches Gegengewicht zur Heimwehr sein. Von politischen Gegnern wurden sie spöttisch auch als „Ölberghusaren“ bezeichnet. Aufgrund dieser Ausrichtung fanden sie in der Folge vor allem in katholisch-konservativen Kreisen weitaus höheren Anklang als die Heimwehren, so auch bei den CV-Verbindungen, die zunehmend dorthin tendierten. So ist z. B. die Pannonia aus dem Umfeld der Sturmscharen entstanden.

Schuschnigg hatte sich mit dieser Gründung, obwohl ursprünglich vordergründig so nicht intendiert, eine Hausmacht geschaffen, die sicherlich mit entscheidend war, daß er als Nachfolger von Dollfuß Kanzler wurde, und die 1936 mitgeholfen hat, die Heimwehren zu entmachten.

SCHUSCHNIGG ALS MINISTER

Schuschnigg gehörte somit zu den erfolgreichen christlichsozialen jungen Nachwuchspolitikern der sog. Frontgeneration, die sich ab 1930 in den Vordergrund schoben. Bewußt wurde er von Bundeskanzler Karl Buresch (Wl EM) am 29. Januar 1932 als noch nicht 35jähriger zum Justizminister berufen. Buresch war als bisheriger Landeshauptmann von Niederösterreich in Tirol nicht sonderlich akzeptiert und hoffte damit, seine politische Basis stärker abzusichern.

Ab 21. September 1933 bekleidete Schuschnigg in der Regierung Dollfuß I zusätzlich noch das Unterrichtsministerium als Nachfolger des als österreichischen Gesandten nach Rom abgeschobenen Anton Rintelen (Trn EM). Ursprünglich war der oberösterreichische Nationalratsabgeordnete Josef Aigner (Cl) für dieses Ressort im Gespräch, was aber am Widerstand der Heimwehren, die nun in die Regierung eintraten, scheiterte.

Schuschnigg war nun bis zum 10. Juli 1934 „Doppelminister“, als er – kurz vor dem Juliputsch – das Justizressort abgab. Unterrichtsminister blieb er als Bundeskanzler weiterhin bis zum 14. Mai 1936, welches Ressort dann Hans Pernter (Nc) übernahm. Größere legistische oder organisatorische Initiativen hat Schuschnigg in diesen zweieinhalb Jahren als Minister dieser beiden Ressorts nicht gesetzt.

Jedoch war Schuschnigg als Justizminister in der Folge des sozialdemokratischen Schutzbundaufstands vom 12. Februar 1934 gefordert. Die zum Tode verurteilten Schutzbündler hätten vom Bundespräsidenten Wilhelm Miklas begnadigt werden können. Allerdings konnte dieser das nach Art. 67 der nach wie vor gültigen Bundesverfassung 1920/29 nur auf Antrag der Bundesregierung bzw. des zuständigen Bundesministers, in diesem Fall der Justizminister Schuschnigg, tun. Nur, es wurden trotz einer diesbezüglichen Intervention des Wiener Erzbischofs, Theodor Kardinal Innitzer (NdW), kein diesbezüglicher Antrag gestellt und daher die Todesurteile vollstreckt.

Die politische Verantwortung für diesen Vorgang lag daher bei der Bundesregierung, und da wiederum besonders beim Justizminister. Es ist erstaunlich, daß diese später, nach 1945, den sonst sehr sensibel-intellektuellen und katholisch geprägten Schuschnigg primär nicht berührte, wie aus seinen Darstellungen hervorgeht und vor allem im persönlichen Gespräch deutlich wurde.

Allerdings muß man redlicherweise feststellen, daß erst nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs in diesen Fragen eine auch das Gewissen tangierende Einstellungsänderung eingetreten ist, aus deren Blickwinkel heraus allerdings man handelnde Personen der Vergangenheit nicht be- und vor allem nicht verurteilen kann.

Mit Beginn seiner Ministerschaft hat er auch seine Innsbrucker Anwaltskanzlei geschlossen, er sollte rückblickend in diesem Beruf nie mehr tätig werden.

SCHUSCHNIGG ALS BUNDESKANZLER

Infolge seines zweifachen Ministeramtes gehörte Schuschnigg in der Umbruchszeit vom parlamentarisch-demokratischen zum autoritären System in den Jahren 1933/34 zweifelsohne zu den wichtigsten Regierungsmitgliedern.

Nach dem Mord an Bundeskanzler Dolluß, der sich Schuschnigg offenbar auch als Nachfolger wünschte, wurde er von Bundespräsident Wilhelm Miklas (AW EM) unter Umgehung des Vizekanzlers Ernst Rüdiger Fürst von Starhemberg vorerst zum provisorischen Vorsitzenden des Ministerrats bestellt, eine verfassungsrechtlich nicht unumstrittene Lösung. Am 29. Juli 1934 wurde er dann offiziell zum Bundeskanzler ernannt. Mit noch nicht 37 Jahren bei seiner Ernennung ist er diesbezüglich der bislang jüngste Bundeskanzler der Geschichte der Republik Österreich.

In einem Übereinkommen zwischen Schuschnigg und Starhemberg wurde dieser als Nachfolger von Dollfuß Bundesführer der Vaterländischen Front, Schuschnigg hingegen dessen Stellvertreter. Nach Starhembergs Entmachtung im Jahr 1936 wurde Schuschnigg auch Bundesführer. Gleichzeitig war er wie erwähnt bis zum 14. Mai 1936 mit der Leitung des Bundesministeriums für Unterricht und bis 11. März 1938 mit der Leitung des Bundesministeriums für Landesverteidigung betraut.

Da zum Bundeskanzleramt auch die Agenden des Innenministeriums sowie der auswärtigen Angelegenheit gehörten, beherrschte Schuschnigg zum einen die gesamte Exekutive (Polizei und Bundesheer) und zum anderen leitete er auch die Außenpolitik. Bei ihm war also eine erhebliche Machtfülle konzentriert.

Hinzu kam noch, daß nach dem Wirksamwerden der ständestaatlichen Verfassung in Fortführung des Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetzes ein eigenes Ermächtigungsgesetz in Kraft trat, das der Bundesregierung Gesetzgebungsbefugnis einräumte. Man bezeichnet daher den autoritären „Ständestaat“ auch als Regierungsdiktatur bzw. wegen der überstarken Stellung des Bundeskanzlers in dieser als eine Kanzlerdiktatur.

Seinen Regierungen, es waren insgesamt vier, gehörten vom 29. Juli 1934 bis zum 11. März 1938 u. a. an: Karl Buresch (Wl EM), Josef Dobretsberger (Cl), Emil Fey (ehemals Rd), Hans Pernter (Nc), Julius Raab (Nc), Josef Reither (F-B EM), Josef Resch (Nc EM), Guido Schmidt (ehemals Nc), Friedrich Stockinger (F-B) und Ludwig Strobl (F-B).

Von 1934 bis 1936 logierte Schuschnigg im Palais Augarten, dann bis März 1938 in einem Seitenflügel des Oberen Belvederes am Landstraßer Gürtel, wo ab den fünfziger Jahren auch Heinrich Drimmel (NdW) wohnte. Seine Frau Herma, mit der er seit 1926 verheiratet war, verstarb am 13. Juli 1935 bei einem Autounfall auf der Bundesstraße 1 in der Nähe von Pichling bei Linz. Dort befindet sich ein Gedenkstein. Noch vor 1938 wurde auf dem Sonnwendstein in der Nähe des Semmerings für sie eine Gedenkkapelle errichtet, die nach 1955 vom ÖCV als Gedächtniskapelle für seine Gefallenen erworben wurde.

Schuschnigg konnte sich nach dem Juli-Putsch 1934 weiter der Unterstützung Italiens sicher sein, bis Mussolini 1936 wegen des Abessinien-Konflikts sich stärker an Nazi-Deutschland anzulehnen begann. Das Juli-Abkommen von 1936 zwang Österreich in eine engere Bindung an das Deutsche Reich, was den Anfang „vom Ende“ bedeutete.

Schuschnigg gelang es in der Folge nicht, sich außenpolitisch durch andere Optionen abzusichern. Ebenso konnte die Wirtschaftskrise in Österreich nicht beseitigt werden, so daß in zunehmendem Maße die österreichische Bevölkerung zu einem Anschluß tendierte.

Da Schuschnigg nicht das charismatische Auftreten eines Dollfuß besaß, konnte er auch die Bevölkerung nicht für sich einnehmen. Somit stand seine Regierung an der Jahreswende 1937/38 außen- wie innenpolitisch weitgehend isoliert da, und zwangsläufig vollzog sich ab dem Berchtesgadener Abkommen vom 12. Februar 1938 das Schicksal. Der Versuch, durch eine mitreißende Rede am 24. Februar vor der Bundesversammlung, die auch im Radio übertragen wurde („Bis in den Tod: Rot-weiß-rot!“), und einer Volksabstimmung doch noch das Ruder herumreißen zu können, radikalisierte jedoch die Entwicklung.

Die Lage spitzte sich am Freitag, dem 11. März, zu. Auf deutschem Druck hin demissionierte Schuschnigg am Abend und verabschiedete sich im Radio mit der Feststellung, „daß wir der Gewalt weichen“, und „mit einem deutschen Gruß: Gott schütze Österreich!“ Danach erklang auf seinen Wunsch hin Schuberts „Unvollendete“.

Bundespräsident Wilhelm Miklas ernannte daraufhin Arthur Seyß-Inquart zum „Anschlußkanzler“. Da Miklas sich weigerte, das Anschlußgesetz auszufertigen, trat er am 13. März als Bundespräsident zurück, so daß dessen Befugnisse auf Seyß-Inquart übergingen.

DIE JAHRE DER HAFT VON 1938 BIS 1945

Nach dem Anschluß stand Schuschnigg zuerst in seiner Wiener Wohnung unter Hausarrest und kam dann am 28. Mai 1938 in das Gestapo-Gefängnis im ehemaligen Hotel Metropole (fälschlicherweise immer Metropol geschrieben!) am Franz-Josefs-Kai. Dort heiratete er per procuratorem seine Verlobte, die geborene Vera Gräfin Czernin von und zu Chudenitz, deren Ehe kurz davor kirchlich annulliert wurde. Am 29. Oktober 1939 wurde er als Häftling Dr. Auster ins Gestapo-Gefängnis München gebracht, wo dann auch die Ehe vollzogen wurde.

Am 9. Dezember 1941 wurde Schuschnigg ins KZ Sachsenhausen (Oranienburg) überstellt, wobei seine Frau und seine kleine Tochter freiwillig mitkamen, die aber nicht festgehalten wurden. Dort waren er und seine Familie in der Prominenten-Abteilung untergebracht, die besser gestellt war. Er blieb in Sachsenhausen bis zum 6. Februar 1945 und war dann ab 9. Februar im KZ Flossenbürg.

Am 7. April wurde Schuschnigg mit anderen prominenten Häftlingen zuerst nach Dachau und dann am 24. April in die „Alpenfestung“ Tirol überstellt, und zwar zuerst nach Innsbruck sowie dann am 28. April nach Niederdorf im Pustertal (Südtirol). Dort waren sie zuerst im Hotel Bachmann untergebracht. In dem Ort wurde rasch bekannt, daß sich u. a. Schuschnigg dort befand, worauf es zu Sympathiekundgebungen der Bevölkerung kam. Am 30. April wurden sie in das naheliegende Hotel Pragser Wildsee gebracht, nachdem eine Wehrmachtseinheit die Bewachung von der SS übernommen hatte. Bevor sie dorthin gebracht wurden, schrieben Vera und Kurt Schuschnigg in das Tagebuch des Hotels „Tausend herzlichen Dank für viel Güte und Liebe“ bzw. „Auch meinerseits mit viele guten Wünschen“. Am 4. Mai 1945 wurden sie von US-Truppen befreit.

Mit Schuschnigg gemeinsam in dieser Gruppe der prominenten Häftlingen befanden sich u. a. der frühere Vizekanzler Richard Schmitz (Nc) sowie der frühere Reichsbankpräsident und Reichsfinanzminister Hjalmar Schacht, der frühere deutsche Generalstabschef Generaloberst Halder, der Stahlindustrielle Fritz Thyssen, Prinz Xavier von Bourbon, Bruder von Kaiserin Zita, Pastor Martin Niemöller und der frühere französische Ministerpräsident Leon Blum.

DIE ZEIT NACH 1945

Da aus politischen Gründen eine Rückkehr nach Österreich nicht opportun war, blieb Schuschnigg vorerst in Rom bzw. in Oberitalien, um dann 1947 in die USA zu übersiedeln und 1948 eine Professur für Politische Wissenschaften an der Jesuiten-Universität in St. Louis, USA, anzunehmen.

Auf Initiative von Bundeskanzler Julius Raab war Schuschnigg ab 1956 zusätzlich Österreichischer Handelsdelegierter der Bundeskammer der gewerblichen Wirtschaft in St. Louis. Nachdem unter Raab dann die Ministerpension rückwirkend eingeführt wurde, konnte er, nun aller finanziellen Sorgen ledig, 1967 nach Österreich zurückkehren und zog nach Mutters, südlich von Innsbruck.

SCHUSCHNIGGS ALS BUCHAUTOR

Schuschnigg besaß den Charakter eines feinsinnig-intellektuellen Politikers, der nicht so recht in die damalige „autoritäre“ Zeit mit ihren Politiker-Typen wie Hitler oder Mussoloni hineinpaßte. Kein anderer Spitzenpolitiker des christlichsozialen Lager hat derart politisch-schriftstellerisch gearbeitet wie Schuschnigg, wenn man von Ignaz Seipel als Wissenschaftler absieht. Sein Stil war brillant, man merkt bei der Lektüre seine literarische Belesenheit und seine vor allem historische Allgemeinbildung.

Sein erstes größeres Oeuvre war das Buch „Dreimal Österreich“. Es erschien Ende 1937 bei dem damals bekannten katholischen Verleger jüdischer Herkunft Jakob Hegner und ist zum einen eine Autobiographie, zum anderen eine Rechtfertigung, warum es zum autoritären Ständestaat gekommen ist und warum die parlamentarische Demokratie scheitern mußte. Schuschnigg stand wie viele andere seiner Zeit dem Parlamentarismus distanziert gegenüber.

Unmittelbar nach dem Krieg war Schuschnigg gezwungen, sich zum einen zu rechtfertigen und zum anderen Geld zu verdienen. 1946 veröffentlichte er zuerst bei dem italienischen Verlag Mondadori (Mailand) sein Werk „Ein Requiem in Rot-Weiß-Rot. Aufzeichnungen des Häftlings Dr. Auster“. Die zweite Auflage erschien bereits 1947 in Zürich. Als Gliederung wählte er Teile des katholisches Requiems (Kyrie, Absolve Domine, Dies irae, Libera me Domine). Hier schildert er die Ereignisse von Berchtesgaden bis zu seiner Befreiung durch die Amerikaner, wobei rechtfertigende Passagen, etwa zum Anschlußproblem, eingeschoben wurden. 1978 erschien eine unveränderte dritte Auflage.

Von den USA nach Österreich zurückgekehrt erschien 1969 im Verlag Fritz Molden sein drittes wichtiges Werk „Im Kampf gegen Hitler. Die Überwindung der Anschlußidee“, das eine historisch-biographische Aufarbeitung der Zeit bis zum Anschluß ist. Der Wiener Zeithistoriker Ludwig Jedlicka (Aa EM) unterstützte Schuschnigg bei der Abfassung.

In den Jahren 1976/77 verhandelte Gerhard Hartmann (Baj) für den Verlag Styria mit Schuschnigg über ein weiteres Buchvorhaben, das quasi ein zusammenfassendes Resümee hätte werden sollen, aber es kam nicht mehr dazu.

SCHUSCHNIGGS ÖSTERREICHISCHE IDEE

Schuschnigg ist in einer altösterreichischen Offiziersfamilie groß geworden und entsprechend erzogen worden, was für ihn zeitlebens prägend geblieben ist. Er war daher im Grunde seiner Herzens Monarchist bzw. Legitimist. Das war sicherlich auch ausschlaggebend dafür, daß er in der Endphase des Ständestaates noch die Karte Otto Habsburg-Lothringen (NbW EM) ausspielen wollte.

Schuschnigg führte das, was Dollfuß in Ansätzen bereits begonnen hatte, verstärkt fort: die Propagierung einer österreichischen Idee bzw. österreichischen Gedankens in Antithese zum Nationalsozialismus. Die österreichischen Sendung in der Geschichte und im ostmitteleuropäischen Raum sollte betont werden, ebenso Österreich als Kulturbringer und Kulturvermittler. Unterstützt wurde er dabei von dem Wiener Kirchenrechtler Johannes Hollnsteiner (ehemals Nc), der gelegentlich als „Chefideologe des Ständestaates“ bezeichnet wird.

Mit dieser Österreich-Ideologie wurde u. a. der Grundstein für ein neues Österreichverständnis nach 1945 gelegt, das in ein Bekenntnis zu einer eigenen Österreichischen Nation mündete. Dazu war aber Schuschnigg noch nicht bereit bzw. fähig dazu. Denn bis 1945 bezeichnete er sich nach wie als Deutschen und war eigentlich – unabhängig vom Nationalsozialismus – ein Befürworter eines Anschlusse, jedoch mit einer besonderen Stellung Österreichs.

DAS TRAUMA SCHUSCHNIGGS

In Gesprächen mit Schuschnigg in seinen späten Jahren kam er ungefragt immer wieder auf zwei Punkte, die ihn bis zu seinem Lebensende keine Ruhe ließen.

Das war zum einen seine Begegnung mit Hitler in Berchtesgaden am 12. Februar 1938 die für ihn ein Trauma darstellte. Da stand ein knapp 40jähriger sensibler katholischer Intellektueller vor Hitler, bei dem es ein absolutes Rauchverbot gab, eine Schikane für den Kettenraucher Schuschnigg. In seinen späteren Jahren ist er diese Szene nicht mehr los geworden, wobei bei ihm das Gefühl eines subjektiven Scheiterns hinzukam. Für ihn wurde der Monat zwischen diesem 12. Februar und dem 11. März 1938 quasi ein Trancezustand, in dem seine Handlungen im Rückblick für ihn schicksalhaft und ihm entgleitend abliefen.

Schuschniggs letzte Rede vor der Bundesversammlung, die nochmals wie ein letzter Aufschrei sein Programm zusammengefaßt hat, die Verkündigung der Volksabstimmung in Innsbruck in sicherer und für ihn vertrauter Umgebung, die ein letztes Aufbäumen signalisierte, der 11. März, ein Vorbeiziehen von Personen und Handlungen gleichsam wie in einer Apathie oder in einem Koma, und das „Gott schütze Österreich“, das nicht nur das Ende Österreichs bzw. Schuschniggs, sondern vor allem des Ringens Österreichs in den Jahren 1918 bis 1938 bedeutete: All das hatte seinen Ausgangspunkt in Berchtesgaden – so in der lebensabendlichen Sicht Schuschniggs – und gestaltete sich im Ablauf wie eine antike Tragödie.

Zum anderen trug Schuschnigg weiter am inneren Konflikt, ob er am 11. März den Einsatz- bzw. Schießbefehl für das Bundesheer hätte geben sollen oder nicht. Ausgangspunkt einer solchen abwägenden Überlegung waren die Umstände, daß das Bundesheer damals strategisch-ausrüstungsmäßig im Vergleich nicht schlecht dastand (jedenfalls in Relation besser als das Bundesheer der Zweiten Republik je war) und daß es erhebliche logistische Mängel bei der Deutschen Wehrmacht gegeben hat, wie sich beim Einmarsch ab 12. März dann herausstellen sollte.

Unabhängig davon, ob damit Blutvergießen verbunden gewesen wäre oder nicht, stellten sich aber die politisch-völkerrechtlichen Alternativen folgendermaßen dar:

Ein militärischer Widerstand hätte der Welt signalisiert, daß Österreich seine Unabhängigkeit auch verteidigen wollte und konnte. Mit vollem Recht wäre damit Österreich das „erste Opfer“ Hitlers gewesen.

Es bestand aber die Erkenntnis, daß das Bundesheer bereits stark nationalsozialistisch unterwandert war. Damit wäre die Gefahr gegeben gewesen, daß erhebliche Truppenteile desertiert oder übergelaufen wären. Das erhoffte Signal des Widerstands wäre damit zum Rohrkrepierer geworden, und das Blutvergießen wäre sinnlos gewesen.

Schuschnigg hat sich realpolitisch bzw. verantwortungsethisch für letzteres entschieden, wobei jedoch sein innerer Konflikt mit der gesinnungsethischen ersten Variante im Laufe seines Lebens sich verstärkend bestehen blieb.

LEBENSABEND

Schuschnigg verbrachte seinen Lebensabend allein als zweifacher Witwer in seinem eher bescheidenen Haus in Mutters und war als Autor sowie Vortragender gefragt. Gelegentlich trat er als „Zeitzeuge“ auf, so etwa in der ORF-Sendung „Seinerzeit“ bei Thaddäus Podgorski. Der ÖCV ehrte ihn, dessen wichtigstes politisches Bestreben als Bundeskanzler in der Abwehr des Nationalsozialismus’ bestanden hat, mit der Verleihung seiner höchsten Auszeichnung, des Bandes „In vestigiis Wollek“. Diese Ehrung wurde am 21. Mai 1977 (Cartellversammlung in Mariazell) beschlossen, konnte jedoch wegen seiner Krankheit bzw. seines Todes nicht mehr vollzogen werden

Schuschnigg war auch Ehrenphilister der MKV-Verbindung Rhenania Wien und der Katholischen Österreichischen Landsmannschaft Maximiliana Wien.

Schuschnigg war Kettenraucher, daher war sein 1976 aufgetretener Kehlkopfkrebs keine Überraschung. 1977 hatte er noch für ein Seminar der ÖCV-Bildungsakademie im März 1978 anläßlich des 40-jährigen Gedenkens an den Anschluß zugesagt, doch er erlag seiner Krankheit kurz vor Erreichen seines 80. Geburtstages.

Werke

Wir und die Politik, in: Stimmen aus dem CV Nr. 10. Nichtöffentliche Beilage der Academia (1930)
Die Sendung des deutschen Volkes im Abendlande. Rede am allgemeinen deutschen Katholikentag 1933 in Wien, in: Festschrift zum allgemeinen deutschen Katholikentag in Wien (1933), S. 59–64.
Schuschnigg spricht. Das politische Gedankengut eines Österreichers (1935).
Österreichs Erneuerung. Die Reden des Bundeskanzlers Dr. Kurt Schuschnigg. Hg. vom Österreichischen Bundespressedienst, 3 Bände (1935–1937).
Dreimal Österreich (1937).
Ein Requiem in Rot-Weiß-Rot. Aufzeichnungen des Häftlings Dr. Auster (1946, Nachdruck 1978).
Österreich, eine historische Schau (1946).
Im Kampf gegen Hitler. Die Überwindung der Anschlußidee (1969).

Quellen und Literatur

Kleine Zeitung, 2. 2. 1974 (Tagebuch zwischen Todesangst und Hoffnung).
Hartmann, Gerhard (Baj): Kurt Schuschnigg. Person, politische Ideenwelt und Stellenwert in der österreichischen Geschichte. Vortrag am 2. Dezember 1980 am Institut für Staats- und Verfassungsrecht – Univ. Prof. Dr. Wolfgang Mantl (Nc) – der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz (Manuskript).
Hopfgartner, Anton(AIn): Kurt Schuschnigg. Ein Mann gegen Hitler. Graz 1989.
Hartmann, Gerhard (Baj): Für Gott und Vaterland. Geschichte und Wirken des CV in Österreich. Kevelaer 2006, S. 223, 228, 254, 268, 273–275, 281f., 331, 365–431, 439f., 454, 470, 487, 504, 513.
Farbe tragen, Farbe bekennen 1938–45. Katholisch Korporierte in Widerstand und Verfolgung. Hg. von Herbert Fritz und Peter Krause (Rt-D). Wien 2. wesentlich verb. Aufl. 2013, S. 516f.

Erstellt von Gerhard Hartmann am 04.05.2012
Zuletzt geändert von Gerhard Hartmann am 12.12.2017