Informationen

  Josef Krainer sen.
Ehrenmitgliedschaften: Babenberg Graz, Carolina
Geboren: 16.02.1903, St. Lorenzen bei Scheifling (Steiermark)
Gestorben: 28.11.1971, Allerheiligen bei Wildon (Steiermark)
Position: Landeshauptmann (Steiermark), Landtagsabgeordneter (Steiermark), Vorsitzender des Bundesrates, Vizebürgermeister von Graz, ÖVP-Landesparteiobmann Steiermark, Ziegeleibesitzer
Politische Haft: 1938 Polizeigefängnis Graz

Lebenslauf

HERKUNFT UND AUSBILDUNG

Krainer wurde als lediger Sohn einer Bauernmagd namens Krainer geboren. Der leibliche Vater war Wegmacher. Nach der Heirat seiner Mutter mit einem Bauern wuchs Krainer ab 1910 in Kobenz (Obersteiermark) auf. Nach Abschluß der Volksschule im Jahr 1917 arbeitete er zuerst am elterlichen Hof und dann ab 1918 als Land- und ab 1923 als Forstarbeiter.

1921 gründete Krainer in Kobenz eine Ortsgruppe des Verbands der christlichen Land- und Forstarbeiter im Rahmen des Katholischen Bauernbundes bzw. der Christlichsozialen Partei. 1924 wurde er Landesobmann dieses Verbandes. Aufgrund dieser Funktion wurde er im Rahmen des Politischen Katholizismus sozialisiert. Außerdem besuchte er Fortbildungskurse in Wien und in der Schweiz.

KRAINERS EINSTIEG IN DIE POLITIK VOR 1938

Im Herbst 1927 wurde Krainer gf. Landesobmann und hauptberuflicher Landessekretär des Verbandes der christlichen Arbeiter und Angestellten in der Land- und Forstwirtschaft und übersiedelte deshalb nach Graz. Als weitere Positionen wurden ihm in der Folge das Amt eines Sekretärs der christlichen Bauarbeitergewerkschaft, eines geschäftsführenden Obmanns der Landwirtschaftskrankenkasse und des Vizepräsidenten der Landarbeiterversicherungsgesellschaft übertragen.

Nach Errichtung des „Ständestaates“ war Krainer vom 24. November 1934 bis zum 12. März 1938 steirischer Landtagsabgeordneter. Berufsmäßig war er leitender Angestellter des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Landeskartell Steiermark. 1935 wurde er stellvertretender Landesobmann des Bauernbundes, am 30. Juni 1936 Präsident der Kammer der Arbeiter und Angestellten Steiermarks sowie ab 26. Januar 1936 Zweiter Vizepräsident der Landwirtschaftskammer und sogar ab 30. Januar 1937 Erster Vizebürgermeister von Graz. All diese Funktionen verlor er am 12. März 1938.

Aufgrund dieser gehörte Krainer auf jeden Fall zur zweiten Funktionärsgarnitur des „Ständestaates“, wurde deswegen nach dem Anschluß am 12. März verhaftet und war drei Wochen im Polizeigefängnis Graz inhaftiert. Außerdem wurde sein Grazer Grundstück beschlagnahmt. 1940 konnte er zusammen mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter in Gasselsdorf (heute Gemeinde Sulmeck-Greith, Bezirk Deutschlandsberg) eine Landwirtschaft und eine Ziegelei erwerben.

In der NS-Zeit hielt Krainer weiterhin Kontakt zu seinem politischen Freundeskreis. Im März 1945 drohte seine Verhaftung und Erschießung, der er sich entzog, indem er im Gebiet um den Radlpaß (Südweststeiermark, am Dreiländereck Steiermark, Kärnten und Slowenien) untertauchte.

KRAINERS POLITISCHE LAUFBAHN NACH 1945

Nach Kriegsende wurde Krainer sogleich Bürgermeister von Gasselsdorf, was er dann fünf Jahre blieb. Gleichzeitig war er sofort am Wiederaufbau sowie an der Gründung der ÖVP in der Steiermark beteiligt. Nach Gründung der Landes-ÖVP übernahm Krainer am 11. Juni 1945 bis August 1945 kurz die Funktion eines geschäftsführenden Landesobmanns, sein Nachfolger in diesem Amt wurde Alfons Gorbach (Cl).

Krainer wurde als Kandidat für die ersten Landtagswahlen am 25. November 1945 aufgestellt und in den Landtag gewählt, dem er dann vom 28. Dezember 1945 bis zu seinem Tod angehörte. Aufgrund seiner Bekanntheit aus der Zeit vor 1938, seinem Organisationstalent und seiner bäuerlichen Verankerung wurde Krainer ebenfalls am 28. Dezember 1945 zum Landesrat der Steiermärkischen Landesregierung gewählt. Seine politische Heimat war der Steirische Bauernbund, dessen stellvertretender Landesobmann er vom 27. November 1946 bis zum 7. Mai 1971 war.

Als Landeshauptmann Anton Pirchegger 1948 zurücktrat, hätte eigentlich der ÖVP-Landesparteiobmann Alfons Gorbach (Cl) wohl ein erstes Zugriffsrecht gehabt. Doch dieser überließ dieses Amt Krainer. So wurde er nach dem Rücktritt des Landeshauptmanns Anton Pirchegger am 6. Juli 1948 zum Landeshauptmann gewählt und hatte dieses Amt bis zu seinem Tod mehr als 23 Jahre inne.

Es gab zwar aufgrund des unterschiedlichen Naturells immer wieder Spannungen zwischen Krainer und Gorbach, die aber 1960 mit Wahl Gorbachs zum Bundesparteiobmann der ÖVP zumindest auf der Landesebene zurücktraten. Krainer hatte kein Spitzenamt in der ÖVP Steiermark, er war lange Zeit nicht Landesparteiobmann, und er war auch nicht Obmann (sondern nur Stellvertreter) des Bauernbunds und daher auch nicht stellvertretender Landesparteiobmann.

Aber durch die Führung der Landesregierung und den Umstand, daß der Landesparteiobmann durch Ämter in Wien (Dritter Nationalratspräsident, Bundeskanzler) gebunden war, konnte sich Krainer ins Bewußtsein der Bevölkerung als der „erste Mann“ der ÖVP in der Steiermark einprägen. Er wurde erst am 7. November 1965 zum Nachfolger Gorbachs als ÖVP-Landesparteiobmann gewählt und blieb dies bis zu seinem Tod.

Vom 7. April 1965 bis zum 19. April 1968 war Krainer auch Mitglied des Bundesrates und dessen Vorsitzender vom 1. Januar bis zum 30. Juni 1967. Mit dieser Mitgliedschaft wollte Krainer versuchen, dem Föderalismus in Österreich einen Impuls zu geben. Nachdem er sah, daß der Bundesrat einflußlos war, schied er aus diesem aus.

Der steirischen Landeregierung unter seiner Landeshauptmannschaft gehörten u. a. Tobias Udier (GlL), Hanns Koren (Cl EM) und Friedrich Niederl (BbG EM) an. Krainer war auch vom 6. März 1958 bis 1967 Aufsichtsratsmitglied der Österreichischen Rundfunk GmbH.

WÜRDIGUNG

Krainer gehörte wohl zu den originellsten und eigenständigsten Politikern der ersten 25 Jahre der Zweiten Republik und repräsentierte den Typus des im Contrarium zu Wien stehenden Landespolitikers. Er war zum einen überzeugter Föderalist, zum anderen verfolgte er das unbedingte Ziel, das Bestmögliche für sein Land zu erreichen.

In seinen ersten Jahren nach dem Krieg als Landesrat und Landeshauptmann war Krainer bestrebt, die Folgen der Nazizeit und des Krieges (Bombenkrieg, Kampfhandlungen im März/April 1945) zu beseitigen. Die Steiermark und Kärnten gehörten zwar zu britischen Besatzungszone, doch es war wesentlich schwieriger, wirtschaftlich den selben Status wie Oberösterreich und Salzburg, die zur US-Zone gehörten, zu erreichen. Auch griff die britische Militärregierung im Gegensatz zu der der USA anfänglich stärker in Details ein.

In den ersten Jahren nach dem Krieg war es daher notwendig, die strukturellen der Nachteile der Steiermark auszugleichen (z. B. Elektrifizierung der Südbahn). Wie darunter dieses Land lange zu leiden hatte, zeigt nur der Umstand, daß eine durchgehende Voll-Autobahn Wien – Graz erst Mitte der neunziger Jahren fertiggestellt wurde, während die von Wien nach Salzburg noch zu Lebzeiten Krainers dem Verkehr übergeben werden konnte. Das änderte auch der Umstand nicht, daß er 1963 die Bauangelegenheiten in seine direkte Kompetenz übernahm.

Krainer war auch sehr bedacht, den Kohlebergbau (insbesondere Fohnsdorf), den Erzabbau (Erzberg) und die Stahlindustrie (Alpine-Montan in Donawitz) für die Steiermark und damit auch deren Arbeitsplätze zu erhalten. Aus diesem Grund hatte er den sich bereits in den sechziger Jahren abzeichnenden Strukturwandel in der Schwerindustrie (möglicherweise bewußt) nicht wahrgenommen. Die steirische Industrielandschaft war 1960 eine völlig andere als fünfzig Jahre später.

Trotzdem gelang es Krainer immer wieder, die scheinbaren Gegensätze von Tradition und Fortschritt zu vereinen und in der Steiermark ein Klima der Aufgeschlossenheit gegenüber der Moderne schaffen zu helfen. Das zeigte sich zum einen in der Kulturpolitik, wo er mit dem zuständigen Landsrat Koren einen kongenialen Partner besaß, der zahlreiche Initiativen auf diesem Gebiet setzte. Anfang 1965 wurde auf Krainers Anregung ein Landesfonds für Forschung und Wissenschaft beschlossen.

Zum anderen war Krainer für neue Ideen aufgeschlossen (wenn sie seinen Grundzielen entsprachen), versuchte die ehemaligen Nationalsozialisten, von denen es in der Steiermark überdurchschnittlich viele gab, zu integrieren und pflegte eine gezielte Nachwuchspolitik, wobei er hier wenige den CV im Auge hatte, sondern vielmehr die Katholische Aktion (KA), weswegen das Konfliktpotential zwischen dieser und dem CV in der Steiermark sehr hoch war. Das Stichwort „steirische Breite“ wurde in diesem Zusammenhang geprägt, die zum einen zwar eine Offenheit signalisierte, aber auch gelegentlich erdrückend war.

Für Krainer war auch die Nachbarschaftspolitik, insbesondere zu Jugoslawien, wichtig. Ebenso verfolgte er eine eigenständige Politik zur EWG und sah in diesem Zusammenhang die österreichische Neutralität kritisch („Nicht in der Neutralität verhungern!“). Und er war ein unbedingter Verfechter einer aktiven Landesverteidigung.

Aufgrund seiner außerordentlichen kommunikativen Fähigkeiten sowie sozialen Kompetenz und seines nichtgespielten phänomenalen Personengedächtnisses (er war praktisch im Land mit fast allen per Du) konnten Krainer und die Landes-ÖVP oft gegen den Bundestrend bei Landtagswahlen immer besser punkten. Dadurch entstand eine starke Wechselwählerbereitschaft, die vor allem in Graz deutlich wurde. Bei Nationalratswahlen lag dort zu dieser Zeit die SPÖ vorn, bei Landtagswahlen die ÖVP (sog. „Krainer-Wahlen“), und bei den Gemeinderatswahlen war hingegen die FPÖ immer stärker.

Die Gemengelage seiner kritischen Haltung zu Wien und seiner Aufgeschlossenheit für das Neue dürfte eine der Ursachen gewesen sein, daß Krainer innerhalb der ÖVP zur treibenden Kraft der Gruppe der „Reformer“ gehört, die 1959/60 die „Neuen Österreichischen Gesellschaft“ als eine Plattform ins Leben riefen. Deren Generalsekretär war anfänglich der frühere Außenminister Karl Gruber (AW).

Aus diesem Kreis der „Reformer“ wurde nach dem schlechten Abschneiden der ÖVP bei den Nationalratswahlen 1959 die personelle Erneuerung in die Wege geleitet. Julius Raab (Nc) machte Alfons Gorbach (Cl) als ÖVP-Bundesparteiobmann und 1961 als Bundeskanzler Platz. Die Nationalratswahlen 1962 waren daher für die ÖVP erfolgreich, die Regierungsverhandlungen jedoch nicht. Dem Verhandlungsteam für eine neue Regierung gehörte auch Krainer an.

Bundespolitisch war Krainer in der ersten Hälfte der sechziger Jahre wohl am einflußreichsten und an die Spitze seiner Möglichkeiten angelangt. In Kommentaren dazu wird vermerkt, daß er – wenn er es konsequent gewollt hätte – auch ganz an die Spitze gelangt wäre. Doch er griff nicht zu, und so wurde 1963/64 Josef Klaus (Rd) Bundesparteiobmann und Bundeskanzler.

Die Ambivalenz Krainers wird auch in den Umstand sichtbar, daß er zum einen die weiche Linie gegenüber dem Koalitionspartner SPÖ kritisierte, zum anderen aber – so in 1963 – das Schweizer Konkordanzmodell für Österreich als Vorbild sah. Mit diesem Vorschlag blieb er, offenbar in Verkennung der unterschiedlichen historischen Entwicklung der politischen Systeme, weitgehend isoliert.

In den ersten 25 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nur zwei österreichische Persönlichkeiten, die in dieser gesamten Periode politisch ununterbrochen prägend waren: der oberösterreichische Landeshauptmann Heinrich Gleißner (S-B) und eben Josef Krainer.

Krainer erhielt 1953 den Titel Ökonomierat und wurde 1970 seitens der Universität Graz Dr. hc. Bei 229 Gemeinden der Steiermark wurde er Ehrenbürger. Er wurde relativ bald nach seiner Wahl zum Landeshauptmann Ehrenmitglied der Babenberg Graz. Die Ehrenmitgliedschaftsverleihung der Carolina erfolgte erst gegen Ende seines Lebens. Er war auch Ehrenmitglied der MKV-Verbindung Waldmark Mürzzuschlag.

Am 27. November 1971 verlieh Krainer den Ehrenring des Landes Steiermark an Alfons Gorbach. Am Abend des selben Tages kam es in Haidegg zu einer lebhaften Debatte mit der Jungen ÖVP, die ihm Vorwürfe machte. Am nächsten Tag ging er auf die Fasanenjagd und erlag dabei unvorhergesehen einem Herzinfarkt.

Krainers Nachfolger als Landeshauptmann wurde auf seinen Wunsch hin Friedrich Niederl (BbG), dessen Nachfolger wurde dann 1980 Krainers ältester Sohn, Josef Krainer jr. (AIn EM)

An der Stelle, wo Krainer verstarb, wurde eine Kapelle errichtet. In dieser wurde entgegen dem biblischen Befund und der christlichen Ikonographie der hl. Josef unterhalb des Kreuzes stehend dargestellt. Bergraben wurde er auf dem Grazer Steinfeldfriedhof.

Quellen und Literatur

Fauland, Ferdinand: Der lärchene Stipfl. Anekdoten um Josef Krainer. Graz 1972.
Koren, Hanns (Cl EM)–Mayr, Max–Wimmer, Kurt: Josef Krainer. Ein Leben für Österreich. Graz 1981.
Kunz, Johannes (Hg.): Josef Krainer. Ansichten des steirischen Landesvaters. Wien 1993.
Mantl, Wolfgang (Nc): Josef Krainer, in: Die Politiker. Karrieren und Wirken bedeutender Repräsentanten der Zweiten Republik. Hg. von Herbert Dachs, Peter Gerlich und Wolfgang C. Müller. Wien 1995, S. 337–343.
Wimmer, Kurt: Josef Krainer sen. Vom Landarbeiter zum Landesvater, in: Die Landeshauptleute der Steiermark. Hrsg. von Alfred Ableitinger, Herwig Hösele und Wolfgang Mantl (Nc). Graz 2000, S. 102–123.

Erstellt von Gerhard Hartmann am 31.05.2013
Zuletzt geändert von Gerhard Hartmann am 10.12.2017