Informationen

  Leopold Kunschak
Ehrenmitgliedschaften: Norica
Geboren: 11.11.1871, Wien
Gestorben: 13.03.1953, Wien
Position: Präsident des Nationalrats, Reichsratsabgeordneter, Vizebürgermeister von Wien, Landtagsabgeordneter (Wien und Niederösterreich), Obmann der Christlichsozialen Partei und des ÖAAB
Politische Haft: 1938 und 1944 Polizeigefängnis Wien

Lebenslauf

HERKUNFT, AUSBILDUNG UND EINSTIEG IN DIE POLITIK

Kunschak wurde in Wien-Landstraße als Sohn eines aus Iglau (Mähren) stammenden Fuhrwerkers geboren. Die Familie zog aber bald nach seiner Geburt nach Wien-Hernals, wo er ausschließlich sein ganzes Leben verbracht hat. Nach Absolvierung der sechsklassigen Volksschule begann er zuerst eine Setzer-Lehre, wechselte aber dann aus gesundheitlichen Gründen zum Sattler-Gewerbe. 1889 beendete er seine Ausbildung als Sattlergehilfe („freigesprochen“). In der Folge fand er eine Anstellung bei der Simmeringer Waggonfabrik bzw. den k. k. Staatsbahnen.

Durch einen Straßenbahnerstreik am Ostersonntag 1889 wurde sein Interesse für politische und soziale Fragen geweckt, was durch das Erscheinen der Enzyklika „Rerum novarum“ 1891 noch verstärkt wurde. Voraussetzung war aber, daß er trotz seiner Stellung als Arbeiter seine katholisch-religiöse Einstellung beibehielt und in Kontakt zu den katholischen Sozialreformern um Karl Frhr. von Vogelsang (AW EM) geriet.

Am 21. September 1892 gründete Kunschak im Einvernehmen mit Karl Lueger (Nc EM) und dem „Generalstabschef“ der Christlichsozialen Partei, Albert Geßmann (AW EM), den Christlichsozialen Arbeiterverein für Österreich, deren Obmann er aufgrund seines damals noch jugendlichen Alters erst am 5. Januar 1897 werde konnte.

Für den 5. Januar 1896 berief Kunschak den 1. christlichen Arbeiterparteitag nach Wien ein. Der Mitgliederstand betrug damals 20.000, ein Jahr später waren es schon 100.000. Am 7. September 1902 gründete er den Reichsverband der nichtpolitischen christlichen Arbeitervereine und am 14. Dezember 1909 den Reichsbund der christlichen Arbeiterjugend.

Ab 1. Januar 1896 erschien erstmals die Zeitung „Die Freiheit“, deren Herausgeber und Chefredakteur Kunschak war. Sie wurde am 7. April 1900 in „Christliche Arbeiterzeitung“ unbenannt. Nach 1945 hieß das Organ des ÖAAB wieder „Die Freiheit“. Aufgrund seines sozialen bzw. politischen Engagements wurde Kunschak am 10. Oktober 1896 von der k. k. Staatsbahn entlassen. Seinen Lebensunterhalt bestritt er nun bis 1928 mit seiner Funktion als Redakteur der „Freiheit“.

Kunschak war wohl die zentrale Figur der christlichen Arbeiterbewegung im Rahmen des Politischen Katholizismus bzw. des Verbandskatholizismus. Daher waren zahlreiche politische Funktionen die Folge.

POLITISCHE FUNKTIONEN BIS 1934

Bereits am 27. April 1904 wurde Kunschak in den Wiener Gemeinderat gewählt, dem er nach Wiederwahlen bis zum 12. Februar 1934 angehörte. Vom 24. November 1922 bis zum 12. Februar 1934 war er auch nichtamtsführender Stadtrat und Klubobmann der Christlichsozialen im Gemeinderat bzw. Landtag.

Am 26. Oktober 1908 wurde Kunschak in den niederösterreichischen Landtag gewählt, dem er dann vom 8. Januar 1909 bis zum 2. Mai 1919 – zuletzt als Provisorische Landesversammlung Niederösterreichs – angehörte. Ab 1. Oktober 1913 gehörte er dem Niederösterreichischen Landesausschuß (Landesregierung der autonomen Landesverwaltung) an und war für das Schulwesen zuständig. Vom 5. November 1918 bis zum 2. Mai 1919 war er dann Landesrat der provisorischen niederösterreichischen Landesregierung.

Vom 17. Juni 1907 bis zum 30. März 1911 war Kunschak Reichsratsabgeordneter. Am 13. Februar 1913 erschoß sein Bruder Paul Kunschak den sozialdemokratischen Funktionär und Reichsratsabgeordneten Franz Schuhmeier. Diese Tat stand aber in keinem Zusammenhang mit Leopold Kunschak, so daß daraus keine politischen Auseinandersetzungen entstanden.

Kunschak und dessen christliche Arbeiterbewegung setzte sich vor 1914 für die katholischen Studenten bzw. den CV in ihrem Kampf um die Gleichberechtigung auf der Universität ein. Seine Teilnahme an der Semester-Schlußkneipe am 3. Juli 1899 ist der erste Nachweis eines Kontaktes mit der Norica. Im Zuge der Wahrmund-Affäre (1907/08) unterstützte er beim 4. Reichsverbandstag der christlichen Arbeiterschaft am 28. Juli 1908 den CV durch eine Resolution. Dafür verlieh ihm die Norica die Ehrenmitgliedschaft. Der Conventsbeschluß erfolgte am 28. Mai 1909, verliehen wurde ihm das Band auf einem Kommers am 15. Juni. „Gerührt dankte der Herr Reichsratsabgeordnete für die hohe Ehre und versicherte, daß die Arbeiter, deren Führer der Herr Kunschak ist, immer stramm an der Seite der katholischen Studentenschaft stehen werden.“ Seine Teilnahme an Veranstaltungen der Norica wird in der „Academia“ immer wieder erwähnt, so u. a. auch am Weihnachtskommers am 12. Dezember 1912, wo er dann das Inoffizium leitete.

Vom 4. März 1919 bis zum 9. November 1920 war Kunschak Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung. Dem Nationalrat gehörte er anschließend vom 10. November 1920 bis zum 2. Mai 1934 an. Vom 5. Februar bis 27. Mai 1932 war er für kurze Zeit Klubobmann der Christlichsozialen im Nationalrat als zeitweiliger Vertreter für den zu dieser Zeit als Bundeskanzler amtierenden Karl Buresch (Wl EM).

Von 1919 bis zum 22. Mai 1932 war Kunschak Obmann der Christlichsozialen Partei Wiens. Er trat wegen der verlorenen Wiener Landtagswahl im April 1932 und innerparteilicher Kritik zurück, sein Nachfolger wurde Robert Krasser (Nc).

In der schwierigen Übergangszeit nach dem Ersten Weltkrieg war er als Nachfolger von Johann Hauser (AW EM) vom 1. März 1920 bis zum 9. Juni 1921 Obmann der Christlichsozialen Reichspartei. Er macht dann dem eigentlichen starken Mann der Partei, Prälat Ignaz Seipel (Nc EM), Platz.

KUNSCHAKS ANTISEMITISMUS

Zu den dunklen Punkten in Kunschaks Leben gehört dessen Antisemitismus, der im Politischen Katholizismus der damaligen Zeit verankert war und aus der Sicht nach 1945 negativ beurteilt wird. So konzipierte er im Herbst 1919 einen Gesetzesentwurf über „Die Rechtsverhältnisse der jüdischen Nation“. Darin sollten u. a. den Juden der Zutritt zu politischen Ämtern auf Bundes- und Landesebene verwehrt werden.

Kunschak war auch einer der wichtigsten Agitatoren in der sog. „Ostjudenfrage“ – gemeint waren die nach dem Krieg ca. 20.000 verbliebenen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina. So forderte er im April 1920 im Parlament, daß Juden, die nicht freiwillig heimkehren, „unverzüglich in Konzentrationslager“ zu internieren seien.

DIE JAHRE 1934 BIS 1945

Am 9. Februar 1934 hielt Kunschak vor dem Wiener Gemeinderat – es war dies dann die letzte Sitzung – eine Rede, wo er zur Besonnenheit und Treue zur Demokratie aufrief. Bei den Februarkämpfen 1934 versuchte er zu vermitteln. Er stand anfänglich dem „Ständestaat“ etwas distanziert gegenüber, arbeitete jedoch dann ab 1935 in der „Sozialen Arbeitsgemeinschaft“ (SAG) mit, die den Ausgleich mit der Arbeiterschaft anstrebte. Vom 1. November 1934 bis zum 12. März 1938 war er Mitglied des Staatsrates.

Nach dem Anschluß wurde Kunschak am 14. März 1938 verhaftet, jedoch bereits am 20. Mai 1938 wieder freigelassen. Danach stand er unter Polizeiaufsicht. Nach dem Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 wurde er für kurze Zeit neuerlich verhaftet.

DIE ZEIT NACH 1945

Am 27. April 1945 war Kunschak Mitunterzeichner der Österreichischen Unabhängigkeitserklärung. Bereits am 17. April 1945 war er Gründungsobmann der ÖVP, ab 8. September 1945 bis zum 21. April 1947 deren Präsident (eine Ehrenfunktion). Schon am 14. April 1945 war er einer der Gründer des Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbundes (ÖAAB), dessen Präsident (ebenfalls Ehrenfunktion) er bis zum 12. März 1949 war.

Für die Ende November 1945 stattgefundenen Wahlen zum Nationalrat kandidierte Kunschak, wurde gewählt und gehörte diesem nach Wiederwahl vom 19. Dezember 1945 bis zu seinem Tod als Nationalratspräsident an. Er leitete am 20. Dezember 1945 die Bundesversammlung anläßlich der Wahl Karl Renners zum Bundespräsidenten.

Vom 21. Oktober 1945 bis 14. Februar 1946 war Kunschak auch Vizebürgermeister der provisorischen Landesregierung von Wien. Bei den Novemberwahlen 1945 kandidierte er auch für den Wiener Landtag, wurde gewählt und gehörte diesem vom 13. Dezember 1945 bis zum 18. Mai 1946 (Niederlegung) an. 1946 wurde ihm anläßlich seines 75. Geburtstags Ehrenbürger Wiens.

Kunschak kandidierte nicht mehr für die Nationalratswahlen, die am 22. Februar 1953 stattfanden. Sein Mandat bzw. seine Funktion hätte bis zum 18. März 1953, der Konstituierung des neuen Nationalrats, gedauert. Fünf Tage zuvor – er räumte bereits sein Büro für seinen vorgesehenen Nachfolger Felix Hurdes (NbW EM) – starb er.

Seit 1965 werden jährlich an seinem Todestag die Leopold-Kunschak-Preise verliehen. Im Jahr 1971 wurde in Wien-Hernals (17. Bezirk), wo er sein ganzen Leben wohnte und 1907 für diesen Wahlkreis in den Reichsrat einzog, ein Leopold-Kunschak-Platz nach ihm benannt.

Kunschak wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Werke

(Auswahl)
Österreich 1918–1934 (2. Aufl. 1935).
Steinchen auf dem Wege (1937).

Quellen und Literatur

Academia 12 (1899/00), S. 78, 22 (1909/10), S. 108 und 25 (1912/13), S. 442.
Bauer, Franz (Nc): Leopold Kunschak als Politiker. Von seinen Anfängen bis zum Jahr 1934. Wien phil. Diss. 1950.
Stamprech, Franz: Leopold Kunschak. Porträt eines christlichen Arbeiterführers. Wien 1953.
Blenk, Gustav (Nc): Leopold Kunschak und seine Zeit. Porträt eines christlichen Arbeiterführers. Wien 1966.
Leopold Kunschak. Zum 30. Todestag. Hg. von der K. a. V. Norica (= Nc-Info Nr. 114). Wien 1983.
Schlegel, Alfred (R-D): Kunschak und Schlegel, zwei Christliche Demokraten in Österreichs bewegter Zeit, von der Monarchie bis zur Zweiten Republik. 1869–1955 (= Wiener Katholische Akademie. Miscellanea. Arbeitskreis für Kirchliche Zeit- und Wiener Diözesangeschichte. Reihe 3. 103). Wien 1985.
Reichhold, Ludwig: Leopold Kunschak. Von der Standesbewegung zur Volksbewegung. Wien 1988.
Enderle-Burcel, Gertrude: Christlich–ständisch–autoritär. Mandatare im Ständestaat 1934–1938. Biographisches Handbuch der Mitglieder des Staatsrates, des Bundeskulturrates, des Bundeswirtschaftsrates sowie des Bundestages. Unter Mitarbeit von Johannes Kraus. Hg. vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands und der Österreichischen Gesellschaft für Quellenstudien. Wien 1991, S. 138f.
Kunz, Johannes (Hg.): Leopold Kunschak. Ansichten des christlichen Arbeiterführers. Wien 1993.
Krause, Otto: Biographisches Handbuch des nö. Landtages 1861–1921 (online: Landtag Niederösterreich). St. Pölten 1995.
Pohanka, Reinhard: Attentate in Österreich. Graz 2001, S. 67f.
Hartmann, Gerhard (Baj): Für Gott und Vaterland. Geschichte und Wirken des CV in Österreich. Kevelaer 2006, S. 98f., 144, 168, 216f., 239, 253, 273, 380f., 384, 390, 484–486, 563f. und 573.
Farbe tragen, Farbe bekennen 1938–45. Katholisch Korporierte in Widerstand und Verfolgung. Hg. von Herbert Fritz und Peter Krause (Rt-D). Wien 2. wesentlich verb. Aufl. 2013, S. 396.

Erstellt von Gerhard Hartmann am 10.05.2012
Zuletzt geändert von Gerhard Hartmann am 10.12.2017