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Johann Wollinger

Johann Wollinger

Urverbindung: Norica (22.06.1934)

Bandverbindungen: AlIn, AW, F-B

Geboren: 13.02.1915, Wien
Gestorben: 17.09.1965, Wien
Stadtrat (Wien), Landtagsabgeordneter (Wien), Vorortspräsident, ÖCV-Amtsträger, Sektionsgeschäftsführer (Handelskammer Wien)
Politische Haft: Elf Tage Militärarrest (Deutsche Wehrmacht)

Lebenslauf:

HERKUNFT, AUSBILDUNG UND KRIEGSZEIT

Wollinger wurde als Sohn eines Textil-Kaufmanns geboren, der wiederum seinerseits einer alten Kaufmannsfamilie entstammte. Nach der Volksschule besuchte er das Gymnasium in Wien-Meidling (Rosasgasse). In dieser Zeit war er ab 1930 bei der MKV-Verbindung Herulia aktiv. Nach der Matura im Jahr 1934 begann er das Studium an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien (Dr. iur. Februar 1940), wo er der Norica beitrat (Couleurname Dr. cer. Alarich). Dort war er im Wintersemester 1937/38 Senior und wurde in dieses Amt auch für das Sommersemester 1938 gewählt. Aufgrund der Umstände blieb er nominell Senior bis nach dem Krieg. Vom Juni bis September 1937 erhielt er eine militärische Ausbildung beim Österreichischen Bundesheer.

In der Nacht vom 11./12. März 1938 konnte Wollinger gemeinsam mit anderen wertvolle Gegenstände und Archivmaterial aus der Bude der Norica (Schwarzspanierstraße) wegschaffen und in Sicherheit bringen. Er wurde von der Polizei „unzähligen Einvernahmen und Verhören“ unterzogen. Gemeinsam mit dem Philistersenior Robert Krasser (Nc) organisierte er den Kontakt innerhalb der Angehörigen der Norica, so daß es sogar gemeinsame Veranstaltungen gab (Wanderungen, Treffen in Lokalitäten; Messen usw.)

Nach seinem Studium absolvierte Wollinger sein Gerichtsjahr am Bezirksgericht Gloggnitz, am Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien, am Strafbezirksgericht Wien und am Bezirksgericht Wien-Floridsdorf. Im Juli 1941 wurde er zur Deutschen Wehrmacht einberufen und kam dann an der Ostfront zum Einsatz. Dort erhielt er wegen „Schädigung des Ansehens der Deutschen Wehrmacht“ elf Tage Militärarrest.

Im Oktober 1942 wurde Wollinger wieder nach Wien versetzt und bildete ab März 1943 eine Gruppe innerhalb der Widerstandsbewegung O5. Von Angehörigen der Norica bei der Artillerie- und Ausbildungsabteilung 109 in Brünn hat diese Gruppe Waffen und Munition erhalten. Im Zusammenarbeit mit der Gruppe der sog. „Widerstandslazarette“ ist es mit Hilfe von Ärzten, die der Norica angehörten – u. a. Karl Fellinger (Nc) – , gelungen, Österreicher von der Einberufung zur Deutschen Wehrmacht zu bewahren. In den letzten Kriegstagen konnten Wollinger und sieben weitere Angehörige der Norica mit Hilfe von Ärzten im Infektionslazarett des Sanatoriums Purkersdorf unterkommen, so daß ihnen die „Verteidigung Wiens“ erspart geblieben ist.

BERUFLICHE UND POLITISCHE LAUFBAHN

Nach dem Krieg trat Wollinger im Mai 1945 zuerst in den Dienst des Unterrichtsministeriums, wechselte aber im Dezember 1948 in die Kammer der gewerblichen Wirtschaft Wien, wo er Geschäftsführer der Sektion Handel wurde. Diese Position entsprach eigentlich seiner familiären Herkunft. Ab 1952 war er außerdem leitender Sekretär des Fonds der Wiener Kaufmannschaft. Obmann der Sektion Handel war der spätere Handelsminister Otto Mitterer (sog. „Greißler-Papst“).

Wollinger engagierte sich relativ bald nach 1945 in der ÖVP, und zwar in deren Jugendorganisation sowie in seinem Heimatbezirk Meidling. Ab Ende 1948 war er aufgrund seiner beruflichen Stellung im Wirtschaftsbund aktiv. Für diesen kandidierte er 1954 bei den Wahlen zum Wiener Landtag, wurde gewählt und gehörte diesem ab 10. Dezember 1954 an. Ebenfalls 1954 wurde er Vizepräsident des 1953 gegründeten Österreichischen Akademikerbundes, einer Vorfeldorganisation der ÖVP. 1955 wurde er als Nachfolger von Minister a. D. Eduard Heinl (Baj EM) zum Finanzreferenten der Wiener ÖVP bestellt.

Im Jahr 1958 flog die Parteispenden-Affäre des parvenühaften Industriellen Johannes Haselgruber auf (sog. „Haselgruber-Affäre“), von der vor allem die Wiener ÖVP betroffen war. Bundeskanzler Julius Raab (Nc), der noch unter dem Eindruck der ähnlichen Affäre um den damaligen Minister Peter Krauland (ehemals AW) stand, zog rigide Konsequenzen und verlangte den Rücktritt der involvierten Politiker, so auch die von Wollinger. Ohne tatsächlich in diese Affäre verwickelt gewesen zu sein, zog er wegen der u. a. auch parteiintern zu Unrecht gegen ihn erhobenen Anschuldigungen die Konsequenzen und legte mit 21. Oktober 1958 sein Landtagsmandat zurück. Ebenso schied er als Finanzreferent der Wiener ÖVP aus. In dieser Funktion wurde der LAbg. Karl Weninger (AW) sein Nachfolger. Auch legte er die Funktion eines Vizepräsidenten des Österreichischen Akademikerbundes zurück.

Wollinger konzentrierte sich nun auf seine berufliche Funktion in der Wiener Handelskammer. Und so überraschte es daher, daß der Spitzenkandidat der Wiener ÖVP bei den Wiener Landtagswahlen im Herbst 1964, der frühere Unterrichtsminister Heinrich Drimmel (NdW), Wollinger in den Stadtrat wählen ließ, als jener Vizebürgermeister von Wien wurde. Wollinger wurde daher am 19. Dezember 1964 zum amtsführenden Stadtrat gewählt und übernahm die Geschäftsgruppe Wiener Stadtwerke, zu der u. a. die Verkehrsbetriebe, das E-Werk und das Gaswerk gehörten. Er konnte diese Funktion nur kurz bis zu seinem Tod ausüben.

Drimmel, der Wollinger sehr gut aus der gemeinsamen Zeit in der CV-Führung nach 1945, kannte, wollte ihn augenscheinlich in der Wiener Kommunalpolitik aufbauen. Er wurde nun zu einem Hoffnungsträger der Wiener ÖVP. Diese Pläne und Hoffnungen fanden aber durch seinen frühen Tod ein jähes Ende.

WOLLINGER UND DER CV NACH 1945

Nach dem Krieg setzte sich Wollinger für den Wiederaufbau der Norica und des ÖCV ein. Für das Wintersemester 1945/46 wurde er neuerlich zum Senior gewählt, so daß er dieses Amt nominell ununterbrochen für 17 Semester ausübte, wohl einmalig in der CV-Geschichte. Im Rahmen des Wiederentstehens des Wiener CV einigten sich die Senioren, daß der Senior der Norica auch den WCV-Vorsitz übernimmt. Wollinger war daher ab Herbst 1945 auch WCV-Senior. Gemeinsam mit Robert Krasser wirkte er unermüdlich an der Wiederherstellung der Norca und des Wiener CV.

Kurz vor Weihnachten 1945 wurde in der britischen Besatzungszone der CV verboten. Davon betroffen war auch die Vorortsverbindung Carolina mit dem VOP Gerald Grinschgl (Cl). Durch dieses Verbot war nun der Carolina ihrer Rechtspersönlichkeit beraubt und konnte daher nicht mehr Vorortsverbindung sein. Nach Absprache zwischen dem Grazer, Innsbrucker und Wiener CV wurde der Vorort am 4. Februar 1946 der Norica übertragen, was eine dieser Zeit angemessene Entscheidung war. Wollinger wurde VOP. 1. Vorortsbeisitzer wurde Heinz Pruckner (Nc). Dafür legte die Norica den Vorsitz im WCV zurück, den nun die Wiener Austria mit Ernst Luegmayer (AW) übernahm. Luegmayer sollten dann Anfang 1947 Wollinger als VOP nachfolgen.

Fast das ganze Kalenderjahr 1946 war Wollinger nun VOP. In diesem Jahr galt es nicht nur, den ÖCV und seine Verbindungen zu rekonstituieren, sondern es wurden auch die Weichen in der Hochschulpolitik gestellt, nachdem die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) gegründet wurden und für die ÖH-Wahl wahlwerbende Studentenparteien zu errichten waren. Am 19. November 1946 fanden die ersten Hochschulwahlen statt, bei denen die der ÖVP nahestehende Gruppe (Freie Österreichische Studentenschaft bzw. Union Österreichischer Akademiker) eine deutliche Mehrheit erreichte. In dieser Union, die bald darauf Wahlblock hieß, war Wollinger der Vertreter des aktiven ÖCV.

Ein besonderes Augenmerk wurde damals auf der „Säuberung“ des CV gelegt. Sie wurde noch unter dem VOP Grinschgl und Krasser im Herbst 1945 initiiert und betraf vor allem jene CVer, die Mitglieder der NSDAP waren. Den Abschluß dieses Vorortsjahres bildete die erste ordentliche Cartellversammlung nach dem Krieg Ende November/Anfang Dezember 1946 in Wien. Auf dieser wurde das seit Ende des Krieges bestehende Provisorium beendet, nachdem kurz zuvor die vereinsrechtliche Wiederherstellung des CV erfolgt ist.

Wollinger blieb aber als Funktionär erhalten. Auf der Cartellversammlung Ende 1946 wurde er zum Leiter des Amtes für Hochschulpolitik im ÖCV-Beirat gewählt. Damit blieb er wesentlich am Aufbau der ÖH und des Wahlblocks beteiligt. Dieses Amt bekleidete er bis 1949. Danach wurde er zum Leiter des Amtes für allgemeine CV-Fragen gewählt, das später in Amt für Gesellschaftspolitik unbenannt wurde. Bereits 1948 wurde Heinrich Drimmel (NdW) als Nachfolger von Robert Krasser (Nc) zum Vorsitzenden des ÖCV-Beirates bzw. der Verbandsführung gewählt. Drimmel und Wollinger gehörten damals zweifelsohne zu den prägenden Gestalten der CV-Führung der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Wollinger bekleidete dieses Amt bis 1953.

Auch bei der Norica engagierte sich Wollinger. Er wurde bald nach dem Krieg Philisterconsenior unter dem prägenden Philistersenior Robert Krasser. Als dieser Ende 1952 schwer erkrankte, führte Wollinger dessen Geschäfte und wurde dann auch zu seinem Nachfolger gewählt. Als er jedoch 1954 in den Wiener Landtag gewählt wurde, ist er von einer Gruppe innerhalb der Norica gedrängt worden, dieses Amt aufzugeben, dem er dann stattgegeben hat. Man wollte damals politische Funktionen und Verbindungsfunktionen streng gedrängt wissen.

Wollinger starb nach längerem Leiden (Nierenkrebs) am Gedenktag der hl. Hildegard in den Armen seiner Frau – sie hatte an diesem Tag Namenstag – und wurde auf dem Meidlinger Friedhof begraben. Die letzte Ehre erwiesen ihm u. a. Bundeskanzler Josef Klaus (Rd), Nationalratspräsident Alfred Maleta (Cl), Bürgermeister Bruno Marek (SPÖ) und Vizebürgermeister Heinrich Drimmel (NdW). Sein Sohn ist Kurt Wollinger (Nc), sein Enkel Michael Wollinger (Kb).

Werke:

Der Anteil der Akademikerschaft am österreichischen Freiheitskampf. Unter Mitarbeit von Johann Wollinger, verfaßt von Felix Romanik (Baj) (1945).

Quellen und Literatur:

Verbindungsarchiv Norica (Georg Schmitz): Personalstandesblätter Wollingers vom 15. 11. 1945 und 9. 2. 1952. Verschiedene Nachrufe.
Bauer, Franz Josef (Nc): Abschied von Wollinger. Zum Ableben unseres Bundesbruders Dr. Hans Wollinger v. Dr. cer. Alarich, in: Norica September–Oktober 1965, S. 1–7.
Stadt Wien, Nr. 77/25. September 1965, S. 4.
Farbe tragen, Farbe bekennen 1938–45. Katholisch Korporierte in Widerstand und Farbe Verfolgung. Hg. von Herbert Fritz und Peter Krause (Rt-D). Wien 2. wesentlich verb. Aufl. 2013, S. 597f.