Informationen

  Ernst Marboe
Urverbindung: Bajuvaria (13.03.1929)
Geboren: 26.01.1909, Wien
Gestorben: 28.09.1957, Wien
Position: Leiter der Bundestheaterverwaltung (Ministerialrat), ÖCV-Amtsträger (Academiaamt), Publizist und Schriftsteller

Lebenslauf

Marboe wurde als Sohn eines k. k. Staatsbahnbeamten geboren, wuchs im Fasanviertel des dritten Wiener Gemeindebezirks auf und besuchte die Realschule in der Radetzkystraße (3. Bezirk), wo er 1926 die Matura ablegte. Danach begann er das Studium der Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Wien (Dipl. Ing. 1936), wo er der Bajuvaria beitrat (Couleurname Torro). Dort war er im Studienjahr 1930/31 durch zwei Semester hindurch Senior. Während des Studiums engagierte er sich in der Katholisch-Deutschen Hochschülerschaft (KDHÖ) an der Technischen Hochschule, war zeitweise deren Vorsitzender und dort nach 1933 eine Zeitlang Sachwalter der Österreichischen Hochschülerschaft.

Nach dem Studium trat Marboe 1936 in den Dienst der niederösterreichischen Landesregierung. Dort wurde er nach dem Anschluß im März 1938 fristlos entlassen. Wenig später wurde er bei einem Verkehrsunfall von einem LKW der Deutschen Wehrmacht lebensgefährlich verletzt, wobei dessen Lenker in einem Gerichtsverfahren für schuldig befunden wurde. Marboe war daraufhin monatelang im Krankenhaus und in der Folge wehruntauglich, was ihm den Kriegsdienst erspart hat.

Nach gesundheitlicher Wiederherstellung fand Marboe eine Anstellung in einem Betrieb, die mit der Herstellung und den Vertrieb von Fahrzeug-Energiestoffen (Benzin, Koks, Gas) zu tun hatte. Gegen Ende des Krieges zog die Familie nach Salzburg und wohnte in Strobl am Wolfgangsee. Der Grund war, daß sie zwei aus einem Arbeitslager geflohene Franzosen aufgenommen hatten und deswegen Angst vor Verfolgung durch die Nazi-Behörden hatten, die in der Phase des Zusammenbruchs des Dritten Reiches teilweise besonders rigide vorgingen. Nach Kriegsende fand Marboe gleich eine Beschäftigung beim Nahverkehr der Stadt Salzburg, den es wieder zu errichten galt.

Obwohl Elektrotechniker war Marboe bereits in jungen Jahren vielseitig kulturell und literarisch interessiert. Durch intensives Selbststudium vor allem während des Krieges ergänzte er dahingehend seine naturwissenschaftlich-technische Ausbildung. Darüber hinaus zeigte sich bei ihm eine schriftstellerische wie rhetorische Begabung, Dieser Neigung folgend wurde er bereits 1945 in den Bundespressedienst des Bundeskanzleramtes berufen (Abteilung B: Administrative Angelegenheiten des Bundespressedienstes, Angelegenheiten der Wiener Zeitung und der Österreichischen Staatsdruckerei).

1948 gab Marboe im Auftrag des Bundespressedienstes „Das Österreich-Buch“ heraus, das zu verfassen er bereits in Strobl begonnen hatte. In der Folge erlebte dieses Buch mehrere Auflagen und wurde auch in den vier wichtigsten Sprachen übersetzt. Die verkaufte Auflage der deutschsprachigen Ausgabe erreichte eine sechsstellige Zahl. „Das Österreich-Buch“ wurde u. a. kostenlos an Schulen verteilt und sollte nach den Wirrungen des Nationalsozialismus und des Krieges den Anschlußgedanken in Österreich zurückdrängen und ein positives Österreich-Bild vermitteln. So gesehen setzte es den „Österreich-Gedanken“ fort, wie er bereits im „Ständestaat“ unter Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg (AIn) als Abwehr gegen den Nationalsozialismus gepflegt wurde. Besonders deutlich wurde vor 1938 dieser Österreich-Gedanke in der Illustrierten „Österreichische Woche“ gepflegt, die von Edmund Weber (Am EM) herausgegeben wurde.

1949 wurde Marboe im Rahmen seiner Tätigkeit im Bundespressedienst mit der Geschäftsführung der „Austria Wochenschau“ betraut. Diese erschien wöchentlich (Donnerstag), hatte eine Dauer von ca. zehn Minuten und wurde in den Kinos als Vorspann zum Hauptfilm gezeigt. Sie enthielt Nachrichten aus den Bereichen des politischen, kulturellen, sportlichen und gesellschaftlichen Lebens. Marboe war wesentlich am Aufbau dieser Wochenschau beteiligt, die damals ein wichtiges Nachrichtenmedium war. Deren Bedeutung verschwand zunehmend ab Ende der fünfziger Jahre aufgrund der Verbreitung des Fernsehens mit der dort gesendeten täglichen Nachrichtensendung,

Im Rahmen seiner Tätigkeit im Bundespressedienst war Marboe einer der beiden Drehbuchautoren des satirischen Films „1. April 2000“, der am 19. November 1952 im Apollo-Kino (Wien-Mariahilf) uraufgeführt wurde, in dem auch sehr starke Momente des zitierten Österreich-Bilds verarbeitet wurden. Zahlreiche prominente Schauspieler wirkten mit, wie u. a. Hilde Krahl, Josef Meinrad, Hans Moser, Paul Hörbiger, Waltraud Haas, Erik Frey, Alma Seidler, Helmut Qualtinger sowie Curd Jürgens und dessen damalige Ehefrau Judith Holzmeister, die Tochter von Clemens Holzmeister (Nc). Aber auch damals weniger prominente Schauspieler, wie Ernst Stefan Nießner (Nc), waren dabei. Regieassistent war Hermann Lanske (Am).

Der Film geht von der Fiktion aus, daß Österreich im Jahr 2000 noch vierfach besetzt ist. Der österreichische Ministerpräsident, gespielt von Josef Meinrad, der im Schloß Schönbrunn amtiert, ruft nun das Ende der Besatzung aus, woraufhin die Weltorganisation mit ihrer Präsidentin, gespielt von Hilde Krahl, samt Entourage mit Raketen in Wien einfliegt und auf dem Vorplatz von Schloß Schönbrunn, dem Sitz des österreichischen Ministerpräsidenten, spektakulär landet. Österreich wird vorgeworfen, mit seiner einseitigen Erklärung den Weltfrieden bedroht zu haben. Es kommt zu einer Art Gerichtsverhandlung, in der Österreich in der Form von jeweils kurzen Dokumentarfilmszenen aus Geschichte und Gegenwart zu beweisen sucht, daß es friedliebend und ein Kulturvolk ist. Dabei werden natürlich verschiedene dramaturgische Elemente benützt, die man heute als Klischee bezeichnen würde.

Dieser Film war natürlich hochpolitisch, weil man mit ihm vor aller Welt auf die vierfache Besetzung aufmerksam machte, die natürlich Österreich beenden wollte. Der Film durfte daher in der sowjetischen Zone bzw. in den sowjetischen Sektoren Wiens nicht gezeigt werden. Der erste Bezirk wurde von allen vier Alliierten gemeinsam verwaltet, wobei sich diese wöchentlich im Kommando abwechselten. In der Woche, wo die Sowjets das Kommando hatte, wurde der Film im ersten Bezirk abgesetzt.

Im Laufe des Jahres 1953 spitzte sich der Konflikt zwischen dem damaligen Unterrichtsminister Ernst Kolb (AIn) und dem Leiter der Bundestheaterverwaltung Egon Hilbert zu, der in dieser Funktion ziemlich eigenmächtig agierte und den eigentlichen Leitern der Staatstheater (Staatsoper, Volksoper, Burgtheater, Akademietheater) wenig Spielraum ließ. Im November 1953 wurde Hilbert abgesetzt und in der Folge zum Leiter des Österreichischen Kulturinstituts in Rom ernannt. Zum neuen Leiter der Bundestheaterverwaltung wurde Marboe bestellt.

Im Zuge dieses Vorgangs (Absetzung von Hilbert, Ernennung Marboes) kam Kolb seitens der SPÖ in Kritik. Ebenso wurde die Zugehörigkeit Marboes zum CV und seine familiäre Nähe zu Bundeskanzler Leopold Figl (Nc) thematisiert. Über diesen Vorgang berichtete damals sogar die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie bezeichnete Marboe als den „Typus des ‚dilletante‘ im guten und großen Wortsinn, eine Figur, dessen Werdegang, so möchte man sagen, nur in Wien möglich ist“.

Marboe, inzwischen zum Ministerialrat ernannt, wurde Leiter der Bundestheaterverwaltung zu einer Zeit. als die Staatsoper und das Burgtheater aufgrund der Kriegsschäden in Provisorien spielten (Theater an der Wien, Ronacher) und deren Wiederaufbau sich dem Ende zuneigte. Im Herbst des Jahres 1955, nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages, wurden diese beiden Häuser am Ring im neuen Glanz mit Ludwig van Beethovens „Fidelio“ und Franz Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ wieder eröffnet. Der erste Opernball in der wieder hergestellten Staatsoper fand dann im Februar 1956 statt. Marboe übte knapp vier Jahre diese Funktion aus und hatte hohen Anteil an der Rekonstruierung der Bundestheater nach dem Krieg.

Marboe engagierte sich auch in seiner Verbindung und im CV. 1949 wurde er zum Leiter des Academia-Amtes im ÖCV gewählt und war damit der Hauptverantwortliche für die Begründung und den Aufbau der „Österreichischen Academia“ im Herbst 1949. Sein letzter großer Redeauftritt war die Festrede bei dem schon als legendär zu bezeichnenden Festkommers anläßlich des 35. Stiftungsfestes der Bajuvaria im Kursalon (Wiener Stadtpark) am Samstag, dem 14. Mai 1955. Das war der Vorabend des Tags, an dem der Österreichische Staatsvertrag unterzeichnet wurde. Trotzdem erschienen Bundeskanzler Julius Raab (Nc, Baj) – ihm wurde bei dieser Gelegenheit das Band der Bajuvaria verliehen – und Außenminister Figl. Marboe führte u. a. aus:

„In schicksalhaften Stunden, in denen die internationalen Presseagenturen und der Weltfunk ihre prominenten Vertreter nach Wien entsendet haben, an einem Tag, an dem sich Geschick und Zukunft nicht nur Österreichs, sondern eines Kontinents und einer in zwei Hälften auseinanderklaffenden Welt neu formen, neu zu fügen beginnen, [...] in einer Situation höchster Spannung und Verantwortlichkeit hat der Bundeskanzler Österreichs die Ruhe, die Liebe und das Herz gefunden, zu uns [...] zu kommen, um die Verleihung des blau-rot-goldenen Bandes unseres Bundes vollziehen zu lassen.“

Marboe ehelichte die Tochter von Josef Schlüsselberger (Nc), dem damaligen Regierungsdirektor von Niederösterreich (so hieß im „Ständestaat“ der Landesamtsdirektor) und nach 1945 Präsident des Verwaltungsgerichtshofes. Dessen Ehefrau Ludmilla war die Schwester der Mutter der Ehefrau von Leopold Figl (Nc). Marboes und Figls Ehefrauen waren also Cousinen. Marboe hinterließ drei Söhne: den späteren ORF-Fernsehintendanten Ernst-Wolfram Marboe (Baj), den späteren Wiener Kulturstadtrat Peter Marboe (Baj) und Philipp Marboe (Baj).

Marboe erlitt bereits 1953 einen Herzinfarkt, einen zweiten im 49. Lebensjahr überlebte er nicht, Er wurde am 5. Oktober 1957 auf dem Friedhof Wien-Hietzing begraben. Am 8. Oktober wurde die Trauerkneipe im Niederösterreichischen Landhaus geschlagen, bei der der Vorsitzende des ÖCV-Beirats bzw. der Verbandsführung und der Philistersenior der Bajuvaria, Eduard Chaloupka (Baj), die Rede hielt. Dort hieß es u. a.:

„Früh vollendet hat er viele Jahre erreicht, denn seine Seele war Gott wohlgefällig. Wenn wir diese Worte über das Leben un¬seres Bundesbruders Ernst Marboe setzen, so haben wir sein Leben richtig qualifiziert, denn niemals, wenn er an eine Aufgabe heran geschritten ist, hat er einen Torso hinterlassen, sondern allen Werken, die er geschaffen, und über¬all, wo er mitgearbeitet hat, hat er den Werken das Stigma sei¬ner Persönlichkeit aufgedrückt.“

Friedrich Heer (ehemals Baj) verfaßte einen unveröffentlichten Nachruf: „Ernst Marboe ist für alle Menschen, denen Österreich und unsere europäische Kultur etwas bedeuten, eine Mahnung, eine herzliche Bitte: Kunst und Kultur ernst zu nehmen. Dieser große Freund des Lebens und der wahren Heiterkeit hätte als stiller Feind des großen Wortes es sich verbeten, zu sagen: er habe sein Leben für das Theater, für die Oper und Burgtheater, gegeben. Das Letzte, das Allerletzte waren sie ihm nicht. Eben deshalb gab er sich, ganz selbstverständlich, hin. […]

Ernst Marboe ist unvollendet gestorben. So wie alle Österreicher, die ein starkes Wollen und eine große Liebe in ihrem Herzen trugen, unvollendet heimgingen. Für den, der an Strahlung glaubt, an Leben, an ewiges Leben, ist dies nicht Bitterkeit, sondern Trost. Hier hat ein Herz aufgehört, im irdischen Leib zu pochen, um lauter zu schlagen in dem größeren Körper, den wir alle bilden, bilden sollten, in einer gebildeteren, höher und tiefe gebildeten Menschheit, die die Lichter hütet, die hier angezündet, hier entfacht wurden. Von Menschen, die ganz erfüllt sind von der Liebe zum ganzen Leben. Einer von diesen war, ist Ernst Marboe.“ (Zitiert bei Evelyn Adunka, Friedrich Heer. Eine intellektuelle Biographie. Innsbruck 1995, S. 73f.)

Werke

Joujou, wo bist du? Roman (1947).
Das Österreich-Buch (1. Aufl. 1948).
? Yes – oui – o. k. – njet (1954).

Quellen und Literatur

Mitteilung von Peter Marboe (Baj) an den Verfasser, 6./7. 7. 2016 und 15. 5. 2017.
Die Zeit, 26. 11. 1953 (Manager oder Intendant? Keine Ruhe um die Staatstheater). www.zeit.de/1953/48/manager-oder-intendant (Abruf 20. 6. 2016)
Rumpel, Karl Paul: Ernst Marboe als Leiter der Bundestheaterverwaltung. Wien phil. Diss 1981.
Krammer, Otto (Baj): Geschichte der Katholischen Akademischen Verbindung Bajuvaria 1920 – 1980. Fünf Teile. Als Manuskript vervielfältigt (= Wiener Katholische Akademie – Miscellanea Dritte Reihe Nr. 24). Wien 1984, S. 464–466.
Hartmann, Gerhard (Baj): Für Gott und Vaterland. Geschichte und Wirken des CV in Österreich. Kevelaer 2006, S. 348, 412, 415, 523, 562, 624, 735.

Erstellt von Gerhard Hartmann am 25.06.2016
Zuletzt geändert von Gerhard Hartmann am 11.12.2017