Die Entwicklung des ÖCV nach 1945

Bereits am 19. Mai 1945 wurde der ÖCV in Innsbruck von dem im Herbst 1943 gewählten „Untergrund“-Vorortspräsidenten Gerald Grinschgl vom seit 1937 amtierenden Vorort Carolina auf einer provisorischen Cartellverbandsversammlung (CVV) reaktiviert. Deren wichtigste Beschlüsse waren u. a. die Abänderung im Namen des ÖCV (anstatt Cartellverband „deutscher“ nunmehr „österreichischer“ usw.) sowie die Säuberung des ÖCV von prinzipienuntreuen Mitgliedern.

Nachdem im Dezember 1945 in der britischen Zone (Steiermark, Kärnten) alle Verbindungen verboten wurden, traf das auch die Vorortsverbindung Carolina. Daher übernahm Anfang 1946 die Norica den Vorort.Ende November/Anfang Dezember 1946 fand dann in Wien die erste offizielle CVV nach dem Krieg statt.

1949 hatte der ÖCV gegenüber 1935 aufgeholt. 1935 gab es 1.408 Studierende und 3.252 Alte Herren, also insgesamt 4.661 ÖCVer, 1949 waren es 1.546 Studierende und 3.939 Alte Herren, zusammen 5.485.

Neben der Rekonstituierung der CV als Organisation wurden nach und nach auch die einzelnen Verbindungen wieder errichtet. In der ersten Zeit nach dem Krieg mußten einmal die einzelnen Bundesbrüder wieder gesammelt und der Kontakt zu ihnen hergestellt werden, und dann ging es um die Sicherstellung und Wiedererlangung der Verbindungsvermögen, insbesondere der „unbeweglichen“ Werte, der Verbindungsheime.

Nach dem Krieg kam es bald wieder zu Verbindungsgründungen: Anfang 1947 wurde in Wien speziell für die Hochschule für Welthandel (heute Wirtschaftsuniversität) die Mercuria gegründet. 1954 folgte für Wiener Neustadt die Neostadia. Erfreulicherweise stiegen die Studentenzahlen in Leoben derart, daß dort 1954 als zweite Verbindung die Kristall errichtet werden konnte.

In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden 1960 die Theresiana in Wiener Neustadt, 1962 die Albertina in Graz sowie die Rupertina in Salzburg und 1966 die Austro-Danubia in Linz gegründet.

In den siebziger und achtziger Jahren folgten 1972 die Carinthia Klagenfurt, 1975 die Veritas Baden, 1977 die Vindemia Feldkirch (wurde zwischenzeitlich wieder sistiert), 1978 die Floriana St. Pölten, 1982 die Severina in Linz und 1983 die Lodronia in Salzburg (Reaktivierung einer Gründung von 1927).

Nach einer längeren Pause wurden 1999 die Meinhardia in Bozen, 2001 die Austro-Ferrea in Eisenstadt, 2009 die Erasmus in Graz sowie 2011 die Europa-Kopernika ebenfalls in Graz und die Sanctottensis in Heiligenkreuz. Somit gibt es derzeit 49 Verbindungen des ÖCV.

Die für das Wachstum des CV entscheidenden Zahlen der Aktiven (Urstudierende) erreichten 1967 einen Höhepunkt (2.350); sie sanken dann bis 1978 ab (auf 1.611), stiegen wiederum 1993 an (1.954), sanken 2000 neuerlich ab (1.839) und steigerten sich wiederum bis zum Jahr 2012 (2.018).

Die Zahlen der Urphilister und Ehrenmitglieder betrugen m Jahr 1993 9.144, im Jahr 2000 9.424 sowie im Jahr 2012 9.891. Die Gesamtzahlen aller Mitglieder des ÖCV lauteten daher 11.098 (1993), 11.263 (2000) sowie 11.909 (2012).

Die wohl wichtigste strukturelle Initiative des ÖCV war die Gründung der Bildungsakademie im Jahr 1972. Mit ihrem Prinzip der verbindlichen Schulungen für alle Mitglieder (u. a. „Fuchsenwochen“) steht der ÖCV im Vergleich zu anderen Organisationen einmalig dar und wird deswegen auch beneidet. Diese Einrichtung dürfte auch eine der Gründe sein, daß der ÖCV eine vergleichsweise stabile Mitgliederentwicklung aufweist.

In den Jahren 1972 bis 1975 wurde der Europäische Kartellverband (EKV) gegründet, dem neben dem ÖCV und CV auch andere gleichartige studentische Verbände des deutschssprachigen Raums sowie auch außerhalb dieses angehören.

Seit Ende der sechziger Jahre wird – dem Zug der Zeit folgend – auch im ÖCV diskutiert, wie weit dieser, dessen geistige und organisatorische Wurzeln tief im 19. Jahrhundert liegen, sich öffnen darf oder sogar muß. Dazu gehören u. a. die Fragen, ob im ÖCV Nichtkatholiken, konkret Protestanten, aufgenommen werden können oder ob sich der ÖCV Studentinnen öffnen darf. Für beide Optionen gab es aber bislang keine Mehrheit.