Fr, 10. September 2010

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Ist die Europaregion Tirol ein Hirngespinst oder doch schon Teil unseres täglichen Lebens?

[05.04.2005] Im Mittelpunkt einer dreitägigen Veranstaltung am Tiroler Bildungsinstitut Grillhof in Igls-Vill mit dem Titel „EUREGIO QUO VADIS?“  der Bildungsakademie des ÖCV stand am vergangenen Wochenende der europäische Regionalismus. 11 angesehene Experten referierten aus ihrem Forschungs- und Tätigkeitsfeld über den derzeitigen Stand sowie die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Entwicklungen und Chancen der Regionen, insbesondere der Europaregion Tirol, vor dem Hintergrund der Veränderungen in der Europäischen Union.

Fragen wie Europa der Regionen oder der Vaterländer, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit etwa im Rahmen von EU-Förderungsprogrammen und eine föderalistisch geprägte Bildungspolitik standen genauso zur Debatte wie die Europäische Privatrechtsangleichung und ihre Auswirkungen auf den grenzüberschreitenden Warenaustausch sowie das gemeinsame Lobbying der Europaregion Tirol in Brüssel.
 
Am zweiten Tag des Seminars stand eine Podiumsdiskussion unter der Leitung des Lehrbeauftragten der Universität Innsbruck Dr. Lothar Müller, den Europaparlamentarien Mag. Herbert Bösch (SPÖ) und Eva Lichtenberger (Die Grünen), den Südtiroler Landtagsabgeordneten Dr. Eva Klotz (UfS) und Dr. Franz Pahl (SVP) sowie als Experten Universitätsprofessor Dr. Karl Socher und Dr. Fritz Staudigl vom Tirol-Büro in Brüssel auf dem Programm. Diskutiert wurde rund um die Frage, wie groß die politischen Erfolgsaussichten für eine Stärkung der Regionen, der Europaregion Tirol im Besonderen, im Institutionengefüge der Europäischen Union sind.
 
Der Vertreter der SPÖ vertrat vor allem die Auffassung, dass eine stärkere Einbindung der Bevölkerung für eine positive Entwicklung der Europaregion Tirol entscheidend ist, während die Vertreterin der Grünen sich auf tagespolitische Ereignisse konzentrierte. Die Vision der Union für Südtirol geht in die Richtung der Selbstbestimmung und Eigenständigkeit unserer Region und der SVP-Vertreter plädierte für eine Intensivierung der Beziehungen zwischen Nord- und Südtirol neben dem Dreierlandtag. Aus der Sicht der politischen Ökonomie führte Prof. Karl Socher aus, dass in den beiden Regionen einheitliche Präferenzen vorliegen und die lokalen Standortvorteile im globalen Wettbewerb ausgenützt werden müssen, um Wohlstand und Frieden zu sichern. Nachdem die rechtlichen Möglichkeiten, wie von Mag. Gabriel von Toggenburg von der Europäischen Akademie Bozen dargestellt, mit Ausnahme der Mitwirkung etwa im Rahmen des Ausschusses der Regionen, nicht sehr umfassend sind, kommt laut Dr. Fritz Staudigl dem gemeinsamen Lobbying in Brüssel ein besonderer Stellenwert zu. Dies wird auch dadurch unterstützt, dass neben juristischen Zwangmitteln die Eitelkeit der Mitgliedsstaaten eine große Rolle spielt und schon durch öffentliche Anprangerung von Missständen oftmals Einfluss genommen werden kann, wie Prof. Peter Hilpold (Universität Innsbruck) hinsichtlich der Minderheitenschutzproblematik betont.
 
Obwohl der vor dem Beitritt herrschende Optimismus hinsichtlich der Stärkung der Regionen in der EU enttäuscht worden ist, sind sie trotzdem wichtige Player im europäischen Integrationsprozess. Die differenziert zu definierende Tiroler Identität hat nur eine Chance, wenn sie im Bewusstsein der Menschen lebendig ist, führt Prof. Peter Pernthaler von der Universität Innsbruck aus. Die Regionen haben im Vergleich zu vielen Nationalstaaten die optimalere Größe im wirtschaftliche Wettbewerb. Im Falle unserer Region führt die Zugehhörigkeit zu verschiedenen Rechtssystemen aber zu Schwierigkeiten im wirtschaftlichen Austausch, was nach Prof. Bernhard Rudisch (Universität Innsbruck) allein durch das Internationale Privatrecht nicht ausgeglichen werden kann, weil dies die Wirtschaftstreibenden verunsichert und höhere Informationskosten verursacht. Aber auch die Angleichung des Wirtschaftsrechts im Rahmen der EU ist bisher größtenteils auf einzelne Teilbereiche beschränkt, wodurch kurz- und mittelfristig die intensive Vermittlung der nachbarstaatlichen Rechtsordnung ausgedehnten Stellenwert haben muss, wobei hier der Universität Innsbruck sowie unseren weiteren regionalen Bildungseinrichtungen eine große Bedeutung zukommt, betont Prof. Andreas Schwartze.
 
Am Sonntag richteten die Tagungsteilnehmer ihren Blick nach Niederösterreich. Die Vorstellung der Euregio Weinviertel-Südmähren-Westslowakei und des grenzenlosen kulturtouristischen Projekts „Die Bersteinstraße“ durch Mag. Günter Fuhrmann brachte ein erfolgreiches Modell aus einer anderen Region näher. Durch den Unternehmensberater Kurt Beatus Müller wurde im Rahmen der Tagung erstmals die Idee einer eigenen Börse für Tirol präsentiert, welche sich nach ökonomischen, ökologischen und ethischen Grundsätzen ausrichtet.
 
„Ich bin sehr zufrieden mit der Veranstaltung. Danken möchte ich an dieser Stelle den Referenten, der Tiroler Versicherung und der Bildungsakademie des ÖCV, den zahlreichen Interessierten, die sich im Tiroler Bildungsinstitut eingefunden haben und dem Tiroler Landtagspräsidenten Prof. Ing. Helmut Mader für die Übernahme des Ehrenschutzes und der Kosten des Eröffnungsbuffets“, zeigte sich Tagungsleiter Mag. Simon Laimer glücklich über den erfolgreichen Verlauf des Seminars.
 
„Die einzelnen Referate und die gewonnenen Erkenntnisse aus den Diskussionen werden aufbereitet bzw. zusammengefasst und dann der breiten Öffentlichkeit durch eine Publikation zugänglich gemacht werden. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung wird von mir bekannt gegeben. Damit können auch Interessierte, die diese Veranstaltung nicht besucht haben, über den Status Quo und die Aussichten für unsere Region nachlesen“, freut sich Simon Laimer und mit ihm ICV-Präsident Mag. Martin Corazza abschließend.
 


Autor: Martin Corazza. Geschrieben am 05.04.2005 um 12:55 Uhr


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