Di, 9. Februar 2010

Die Geschichte des ÖCV - Vom Kriegsende bis heute

Sofort nach Kriegsende nahmen die Verbindungen des ÖCV wieder ihren Betrieb auf. Auf einer ersten Zusammenkunft im Herbst 1945 in Innsbruck, an der nur ein Teil der Verbindungen teilnehmen konnte, wurde "Alpinia - Innsbruck", die 1940 aus dem Geist der Widerstandskämpfer gegründet worden war, in den CV aufgenommen. Ende November 1946 konnte in Wien wieder eine Cartellversammlung abgehalten werden. Der von den Nationalsozialisten aufgelöste Verband wurde nunmehr auch offiziell als "Cartellverband der katholischen österreichischen Hochschulverbindungen" wieder hergestellt. In einem Beschluß heißt es:

"Unser Österreichertum ist nicht nur Erbe und Schicksal, sondern auch eine verantwortungsvolle Aufgabe. Wir sehen in der vollen und mitverantwortlichen Anteilnahme an der Schicksalsgestaltung unseres österreichischen Vaterlandes ein demokratisches Recht, aber auch eine sittliche Pflicht, die wir mit ganzer Kraft und Hingabe erfüllen wollen."

In der Politik des Nachkriegs-Österreich spielten CVer eine tragende Rolle. Die Väter des Staatsvertrages und der damit verbundenen Freiheit Österreichs, Leopold Figl und Julius Raab waren ebenso CVer wie Alfons Gorbach und Josef Klaus. Ein viertel Jahrhundert lagen die Geschicke unseres Landes in den Händen dieser vier aufeinander folgenden Bundeskanzler.

Durch die Korrumpierung des nationalen Lagers in der Studentenschaft während der NS-Zeit gelang es dem CV und der mit ihm im sog. "Wahlblock" verbündeten Gruppen zur dominierenden Kraft in der Hochschulpolitik zu werden. Bis 1965 erreichte er regelmäßig über 50 % der Stimmen, der RFS ca. 26-28 % und der VSStÖ 11-13 %. Eine Reihe von Vorsitzenden des Zentralausschusses sowie der einzelnen Hauptausschüsse stellte der ÖCV.

Mitte der sechziger Jahre war auch der ÖCV von der allgemeinen Aufbruchstimmung (II. Vatikanisches Konzil, Politik der neuen Sachlichkeit von Josef Klaus, Studentenbewegung) nicht verschont geblieben. Augenfälliges Zeichen war die Änderung der Linie der "Academia" von einem reinen Verbands- zu einem auch außerhalb des ÖCV beachteten Diskussionsorgan. 1971 kam es aufgrund einer Initiative von Univ.-Prof. Dr. Maximilian Liebmann (Cl) zur Gründung der Bildungsakademie des ÖCV, die als Einrichtung auch Vorbild für den CV und KV wurde.

In der Hochschulpolitik kam es in den sechziger Jahren zu einer Bewegung. CVer taten sich bei der Hochschulreformdebatte besonders hervor. Doch das aktive Engagement vieler CVer hinderte nicht, dass die Struktur des "Wahlblockes" sich überlebt zu haben schien. Bereits 1965 kam es in Graz zu einer linken Abspaltung (Aktion), die besonders von Mitgliedern der dortigen KHG getragen wurde. 1967 rutschte der Wahlblock erstmals unter der 50 %-Marke, während der RFS etwas zulegte. 1968 kam es zu einer Änderung des Wahlblockes in die Österreichische Studentenunion (ÖSU). In dieser hatten die Verbände kaum noch Einfluß, alleine die Einzelmitgliedschaft zählte. 1969 konnte sich die ÖSU etwas verbessern, während der RFS, der Hauptgegner des Wahlblocks, weiter etwas verlor.

Inzwischen änderte sich 1970 die politische Landschaft. Die SPÖ-Regierung schritt an eine UOG-Reform, die 1975 endgültig beschlossen wurde. Obwohl 1971 die ÖSU 53 % erreichte, verschlechterte sie sich ab 1974 zusehends. Geringe Wahlbeteiligung und Abspaltung an den Rändern waren die Ursachen (Demokratische Studentenunion, JES). In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre entstand von Graz ausgehend die Idee des Studentenforums, welche die christlichdemokratischen Studenten an sich zu binden versuchte.

1970 war ein innenpolitisches Wendejahr. Der Wahlsieg der Sozialisten, welche sich 30 Jahre lang an der Spitze des Staates halten konnten, veränderte die politische Landschaft nachhaltig.

Alois Mock war das letzte CV Mitglied vor dieser Zeit der ein Ministerium führte. Doch das gesellschaftliche Engagement der Mitglieder des Cartellverbandes hat nie nachgelassen. Der Gedanke des vereinten Europas und das damit verbundene Streben nach einem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union war dem Cartellverband schon sehr früh ein zentrales anliegen. So kam es, dass 1975 der Europäische Kartellverband gegründet wurde, in dem sich christliche Kooperationen aus Deutschland, Belgien, Ungarn, Südtirol, Slowenien, Slowakei, der Tschechische Republik, Ukraine und der Schweiz zusammengeschlossen haben. 20 Jahre später trat Österreich unter der Verhandlungsführung von Außenminister Alois Mock der EU bei.

Heute ist der ÖCV nach wie vor der größte Studenten- und Absloventenverband. Mit 46 Verbindungen die an 11 verschiedenen Hochschluorten ansässig sind werden die zeitlosen Prinzipien Religio, Patria, Scientia und Amicitia Tag für Tag gelebt und erlebt. Ganz im Sinne des Wahlspruchs des ÖCV:

IN NECESSARIIS UNITAS,
IN DUBIIS LIBERTAS,
IN OMNIBUS CARITAS.

 


Leopold Figl, Nc, * 2. 10. 1902 Rust im Tullnerfeld (Niederösterreich), +  9.5.1965 Wien, 1945-53 Bundeskanzler


Ing. Julius Raab, Nc, * 29. 11. 1891 St. Pölten +  8.1.1964 Wien, 1953-61 Bundeskanzler und legendärer Handelsminister.


Dr. Alfons Gorbach, Cl, BbG *2. September 1898 Imst(Tirol) † 31. Juli 1972 Graz, Bundeskanzler von 1961 bis 1964


Dr. Josef Klaus, Rd, * 15. 8. 1910 Mauthen ( Kärnten ) † 25. 7. 2001 Wien. 1949-61 Landeshauptmann von Salzburg , 1964-66 Bundeskanzler der ÖVP-SPÖ-Koalition und 1966-70 der ÖVP-Alleinregierung.


Am 26.06.2003 feiert der ÖCV sein 70-jähriges Bestehen im Parlament. Viele Prominente ÖCVer aus Kirche, Poltik und Wirtschaft folgen der Einladung. Im Bild NR-Präs. Dr. Andreas Kohl, R-B und Dr. Alois Mock, Nc.

Weiterführende Links:
» Überblick
» Von den Anfängen bis zum 1. Weltkrieg
» Zwischenkriegszeit – NS Regime – 2. Weltkrieg
» Vom Kriegsende bis heute